Die Familie Schilgen in Rheine
Aus: Heinrich Pottmeyer, Kurze Geschichte der Familie Schilgen bezw. von Schilgen, Münster 1925. Diplomatische Wiedergabe; reine Archivnachweise weggelassen, die ausführlichsten Zitate gekürzt. Das hier geschilderte Ärztegeschlecht ist dasselbe, dem die Stammgrabstätte in Rheine gewidmet ist.
Dr. med. Friedrich Karl Schilgen
Während alle Nachkommen seiner drei Brüder, sowohl in Dorsten als auch in Neuenhaus, im Mannesstamme längst ausgestorben sind, wurde Friedrich Karl Schilgen, der jüngste Sohn des Hofrichters Christian Joseph Schilgen, der Stammvater aller Mitglieder der heute so kräftig blühenden älteren Linie der Familie. Niemand hat das wohl vorausgesehen, als er am 12. April 1746 zu Bentheim geboren — seine Mutter büßte dabei ihr Leben ein — und am nämlichen Tage wegen Lebensgefahr zu Hause getauft wurde. Als sein Vater 1762 so plötzlich in Oldenzaal aus dem Leben schied, war Friedrich Karl erst 16½ Jahr alt. Zwei Jahre später (18. Dezember 1764) finden wir ihn bereits als Studierenden der Medizin an der Heidelberger Universität; merkwürdigerweise wird er im nächsten Jahr nebst seinem Bruder Ferdinand Joseph als Studierender der Rechtswissenschaft in Göttingen vermeldet. Wie dem auch sei — eine eigene „Spezificatio verschiedener Ausgaben in Göttingen" weist aus, daß er dort 1766/67 Kollegien über Pathologie und Anatomie hörte; vermutlich promovierte er im gleichen Jahre, jedenfalls praktizierte er 1768 bereits als Arzt in Rheine.
Ein älterer Arzt, der Amtsphysikus Dr. med. J. C. Giese, war bei der Ankunft Schilgens bereits in Rheine ansässig. Als dieser 1785 starb, erhielt Dr. Friedrich Karl Schilgen dessen amtliche Stellung, trat jedoch auf Vorstellung des Amtsdrosten Klemens August Frhrn. v. Twickel dem eben erst ausgebildeten Sohn des Verstorbenen, Dr. Rudolf Giese, einen Teil der amtlichen Praxis ab. Als Amtsphysikus nahm sich Dr. Schilgen vor allem der Geburtshilfe an, mit der es damals sehr im Argen lag; in diesem Zweige der Chirurgie genoß er einen so hohen Ruf, daß selbst der Amtsdroste v. Twickel, dem alle Aerzte der Stadt Münster zu Gebote standen, für seine Gemahlin sein Gutachten einholte.
Am 11. Januar 1774 vermählte sich Dr. Friedrich Karl Schilgen mit Theodora Meyer, Tochter des Kaufmanns Martin Adolf Meyer und seiner zweiten Ehefrau Anna Maria Sentrup. Die Familie Meyer gehörte zu den angesehensten der Stadt Rheine, und Dr. Schilgen trat durch diese Ehe in verwandtschaftliche Beziehung zu einer ganzen Anzahl Familien — was dem jungen Arzt in seiner Praxis nur von Nutzen sein konnte. Die Ehe wurde mit zehn Kindern gesegnet:
- Jodokus Gottfried Schilgen, geb. zu Rheine am 2. Januar 1775.
- Maria Katharina Schilgen, geb. daselbst am 12. September 1776.
- Johann Bernhard Schilgen, geb. daselbst am 12. Februar 1779, gest. daselbst am 27. Dezember 1779.
- Theodora Elisabeth Schilgen, geb. daselbst am 12. Februar 1779 (Zwilling).
- Anna Gertrud Schilgen, geb. daselbst am 8. August 1781.
- Nikolaus Anton Schilgen, geb. daselbst am 14. Oktober 1784.
- Walburgis Schilgen, geb. daselbst am 25. Dezember 1786, jung gestorben.
- Franz Arnold Schilgen, geb. daselbst am 2. Januar 1790, gest. daselbst am 18. Februar 1791.
- Maria Anna Schilgen, geb. daselbst am 10. Oktober 1792.
- Maria Josephine Antonetta Schilgen, geb. daselbst am 14. April 1795, gestorben einige Tage später.
Von diesen zehn Kindern starben vier in zarter Jugend; nur sechs — zwei Söhne und vier Töchter — erreichten ein höheres Lebensalter. Ueber den ältesten Sohn Jodokus Gottfried wird unten mehr zu sagen sein. Der zweite überlebende Sohn, Anton Schilgen, Kaufmann in Rheine, verehelichte sich am 19. Mai 1817 zu Bevergern mit Gertrud Veltman, doch wurde ihm die Gattin schon im nächsten Jahr durch den Tod entrissen, nachdem sie ihm ein Töchterchen geschenkt hatte; das Kind (nach der Großmutter Theodora genannt) starb mit acht Jahren am 2. Mai 1826, der Vater folgte ihm am 21. Februar 1837.
Von den vier überlebenden Töchtern trat die älteste, Katharina Schilgen, mit Johann Theodor Sträter, Kaufmann zu Rheine, vor den Traualtar; das Ehepaar hatte 15 Kinder, und alle Mitglieder der heute an den verschiedensten Orten blühenden Familie Sträter stammen von ihm ab (Theodor Sträter † 22. Oktober 1852, seine Ehefrau Katharina † 21. Januar 1835). Theodora Schilgen verheiratete sich am 12. Januar 1805 mit Anton Ferdinand Muss, Weinhändler zu Rheine; beide erreichten kein hohes Alter (er † 6. April 1816 mit 52, sie † 8. Juni 1819 mit 40 Jahren). Gertrud Schilgen vermählte sich am 7. Juli 1807 mit Johann Franz Kümpers, Kaufmann zu Rheine — die beiden wurden die Stammeltern der weit verzweigten Familie Kümpers, die heute in Rheine eine so hervorragende Rolle in der Textilindustrie spielt (Franz Kümpers † 22. Februar 1817, Gertrud † 25. Juni 1825). Maria Anna Schilgen endlich trat am 16. Juni 1815 mit dem Kaufmann Theodor Kümpers, einem Bruder des vorgenannten, in die Ehe, verstarb jedoch schon am 1. Dezember 1819.
Am 14. April 1800 brachte Dr. Friedrich Karl Schilgen das Haus Nr. 500 am Markt in Rheine käuflich an sich (das spätere Wohnhaus der Witwe des Kommerzienrats Alfred Kümpers); zweifellos wohnten die Eheleute von da ab dort. Dr. Friedrich Karl Schilgen starb am 19. November 1819 im Alter von 75 Jahren. Seiner Frau war es vergönnt, noch manches Jahr inmitten ihrer Kinder, Enkel und Urenkel zu verweilen, deren besondere Freundin sie war; bis ins hohe Alter scharten sich die Kleinen um ihren Lehnstuhl, um sich von der Großmutter Geschichten erzählen zu lassen. Ihr Porträt, das C. Weddige 1838 malte, stellt sie in ihrem Lehnstuhl sitzend dar, zu ihren Füßen die Urenkelin Mathilde Theodora Sträter (die spätere Ehefrau Hardy Jacksons). Der Lehnstuhl wird von der Familie Stephan Schilgen in Emsdetten als teures Andenken bewahrt. Als die Greisin am 5. Januar 1843 in ihrem 90. Jahre aus dem Leben schied, trauerten 21 Enkel und 52 Urenkel an ihrem Sarge.
Dr. med. Jodokus Gottfried Schilgen
Am 2. Januar 1775 als Sohn von Dr. Friedrich Karl Schilgen und seiner Ehefrau Theodora geb. Meyer in Rheine geboren, wählte Jodokus Gottfried Schilgen wie sein Vater den ärztlichen Beruf. Als Zwanzigjähriger immatrikulierte er 1795 für das Studium der Medizin an der Universität Göttingen, um sich später zu demselben Zwecke nach Wien zu wenden; bald nach seiner Promotion übte er in Rheine die ärztliche Praxis aus und gründete dort 1802 seinen eigenen Hausstand.
Wie einstmals sein Ururgroßvater Dr. jur. Johann Schilgen, Bürgermeister zu Rheine, nahm er sich des öffentlichen Schulwesens seiner Vaterstadt an, insbesondere des Progymnasiums Dionysianum. Ein preußischer Zollinspektor Schimmel berichtet 1818 an seine Behörde, er habe bei der Untersuchung des Schulwesens „den Doktor Schilgen, der sich aller öffentlichen Anstalten rühmlich angenommen und viele reelle Verbesserungen schon bewirkt habe", hinzugezogen. Dr. Jodokus Schilgen war Mitglied des ersten Schulvorstandes des Progymnasiums (1818) und gehörte ihm bis zu seinem Tode 1847 an; 1820 bewirkte der Vorstand, daß der Stadt das Gebäude des ehemaligen Franziskanerklosters für das Gymnasium überwiesen wurde. Gymnasialdirektor Dr. Führer urteilt über ihn:
„Die Seele dieser Bestrebungen und der Träger dieses Optimismus war anscheinend Dr. Schilgen, der sich durch keine Schwierigkeiten schrecken ließ, unermüdlich für die Schule wirkte … und jahrzehntelang der eigentliche Direktor der höheren Schule war. Ihm ist es in erster Linie zu danken, daß diese der Stadt erhalten blieb."
1827 schloß Dr. Jodokus Schilgen sich dem „Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens" an. Ein äußerst reges Interesse brachte er der Beobachtung der Witterung entgegen: vom Januar 1812 bis zum 18. Januar 1847 — fünf Tage vor seinem Tode — hat er Tag für Tag Thermometer- und Barometerstand, Windrichtung und Witterung für Rheine verzeichnet, daneben Anmerkungen über Frost, Schnee, Saatenstand, Teuerung, Krankheiten und Naturerscheinungen.
Am 23. November 1804 führte Dr. J. G. Schilgen Katharina Sträter (am 12. November 1785 zu Rheine geboren) zum Traualtar. Die Ehe war mit sechs Kindern gesegnet:
- Friedrich Karl Schilgen, geb. am 6. September 1805.
- Bernhard Theodor Schilgen, geb. den 15. Mai 1806, gest. den 15. Juli 1807.
- Bernhard Theodor Schilgen, geb. den 4. April 1809.
- Theodora Schilgen, geb. den 18. Juni 1811.
- Ludwig Schilgen, geb. den 21. Juli 1814.
- Karoline Schilgen, geb. den 20. September 1824.
Von den vier Söhnen starb der älteste, Friedrich Karl, unverehelicht am 6. Juli 1834 in seinem 31. Lebensjahre; der zweite war bereits im zartesten Alter geschieden. Dem dritten, Bernhard Theodor Schilgen, begegnen wir sogleich in Rheine; der vierte, Ludwig Schilgen, gründete den belgischen Zweig der Familie. Die älteste Tochter Theodora vermählte sich 1832 mit Johann Gottfried Schult, Zuckerfabrikant in Münster, später in Köln; die jüngste, Karoline, mit Theodor Drießen, Fabrikant in Bocholt. Frau Katharina Schilgen geb. Sträter starb am 30. August 1841, ihr Gemahl Dr. Jodokus Gottfried Schilgen am 23. Januar 1847. In seinem Testament äußerte er den Wunsch, eins seiner auswärts verheirateten Kinder möge nach Rheine zurückkehren und sein Haus (das spätere Fiehesche Haus an der Münsterstraße, Ecke Rosenstraße) bewohnen; seine ärztliche Bibliothek überließ er seinem Sohne Theodor.
Dr. Theodor Schilgen
Am 4. April 1809 zu Rheine geboren, besuchte Bernhard Theodor Schilgen von 1820 bis 1824 das Progymnasium seiner Vaterstadt und setzte seine Studien in Münster fort, wo er 1826 das Reifezeugnis erhielt. Er hörte ein Jahr lang in Münster medizinische und philosophische Vorlesungen, widmete sich dann fünf Jahre in Bonn der Medizin, ging im April 1831 nach Berlin, im November nach Würzburg, kehrte nach Berlin zurück und erwarb sich dort am 19. Dezember 1832 mit der Dissertation „De febris mucosae pathologia" den Doktortitel.
Zunächst praktizierte Dr. Theodor Schilgen als Arzt in Rheine, wo er am 30. Mai 1834 die Erlaubnis erhielt, „das Geschäft eines praktischen Geburtshelfers auszuüben"; später suchte er sich einen Wirkungskreis in Beckum und verehelichte sich dort mit Wilhelmine (Mina) Everke, Tochter eines Gasthofbesitzers. Nach dem Absterben seines Vaters erfüllte er dessen Wunsch, siedelte in das elterliche Haus nach Rheine über und übte dort die ärztliche Praxis aus. Dies war ihm jedoch nur noch 15 Jahre vergönnt: am 21. November 1862 wurde er, erst 53 Jahre alt, seiner Frau und sechs unmündigen Kindern durch den Tod entrissen. Seine Gattin Mina geb. Everke überlebte ihn um eine geraume Zahl von Jahren; sie starb am 4. April 1895 in ihrem 75. Lebensjahre.
Manche schriftliche Aufzeichnungen Dr. Theodor Schilgens sind im Familienarchiv bewahrt: eine Ilias-Uebersetzung aus seiner Gymnasialzeit, die Kollegienhefte, die Fortsetzung der väterlichen Witterungsbeobachtungen bis 1858, eine Abhandlung über die Gefahren des Scheintodes und das Bruchstück einer Eingabe an die preußische Abgeordnetenkammer, in der er sich gegen die Vorrechte der Beamten und die Bürokratie wendet — ein Mann, der „mit klarem Blick die Mängel des preußischen Beamtenstaates erkannte und unerschrocken für eine freisinnigere Gesetzgebung an die Schranken trat".
In seiner Gattin Mina geb. Everke, einer Frau von praktischem Sinn und heiterem Gemüt, hatte er eine treue Lebensgefährtin gefunden; nach seinem Tode erzog sie ihre Kinder — das jüngste erst acht Monate alt — zu tüchtigen Männern und Frauen. Diese Kinder, von denen die beiden ältesten in Beckum, die übrigen in Rheine geboren wurden, waren:
- Jodokus Schilgen, geb. den 21. August 1844.
- Stephan Schilgen, geb. den 6. Dezember 1846.
- Theodora Schilgen, geb. den 11. Januar 1849.
- Anna Schilgen, geb. den 30. Juli 1851.
- Elisabeth Schilgen, geb. den 16. Juli 1854, gest. am 26. Juli 1871 zu Ahrweiler im Alter von 17 Jahren.
- Theodor Schilgen, geb. den 15. August 1858, gest. den 17. April 1859.
- Gertrude Schilgen, geb. den 17. März 1862, gest. den 3. November 1867.
Ueber das Lebensgeschick der beiden ältesten Söhne, Jodokus und Stephan Schilgen, werden wir in einem anderen Kapitel (Die Familie Schilgen in Emsdetten) näheres erfahren. Die älteste Tochter, Theodora Schilgen, vermählte sich am 11. Mai 1869 mit Dr. med. Anton Fiehe aus Billerbeck, der sich als Arzt in Rheine niederließ und das Schilgensche Haus an der Münsterstraße bezog; er starb am 1. September 1885, seine Ehefrau Theodora am 3. April 1922. Anna Schilgen, die zweite Tochter, blieb unverehelicht.