Erinnerungsorte in Emsdetten und Rheine
Wer sich auf die Spuren der Schilgens begibt, findet sie in zwei Städten. Die Wurzeln liegen im westfälischen Rheine, wo die Schilgens über drei Generationen ein Ärztegeschlecht stellten — dort, auf dem alten Friedhof, steht die älteste Grabstätte der Familie. Erst Dr. Theodor Schilgens Söhne Jodokus und Stephan sr. verlegten den Lebensmittelpunkt nach Emsdetten und gründeten dort die Textilfabrik J. Schilgen. In Emsdetten finden sich heute zwei Friedhöfe und ein Haus, das einmal ihre Villa war und heute die Stadtbibliothek beherbergt: Die Gründergeneration und ihre Familien liegen auf dem alten Friedhof an der Nordwalder Straße; die nächste Generation — Joseph Schilgen mit Familie — ruht auf dem Friedhof am Hembergener Damm. Die beiden Gedenktafeln der Familie schließlich hängen heute im Treppenhaus der Gänselieselvilla, dem von Sohn Joseph 1912 erbauten Nachbarhaus — neben den Familienbildern.
Rheine — die Herkunft und die älteste Grabstätte
Bevor die Familie in Emsdetten zur Textildynastie wurde, war sie in Rheine ein Ärztegeschlecht: Über drei Generationen — von Dr. Friedrich Karl Schilgen über Dr. Jodokus Gottfried Schilgen bis zu Dr. (Bernhard) Theodor Schilgen (1809–1862) — praktizierten Schilgens hier als Ärzte. Erst Theodors Söhne Jodokus (1844) und Stephan sr. (1846) wandten sich dem Textilgewerbe zu und gründeten in Emsdetten die Firma J. Schilgen (siehe Die Brüder). Die weiter zurückreichende Abstammung bis zum Rheiner Bürgermeister Dr. jur. Johannes Schilgen zeigt die Stammtafel.
Auf dem alten Friedhof in Rheine liegt die älteste erhaltene Schilgen-Grabstätte — das Grab des Arztes Theodor Schilgen, seiner Frau und dreier ihrer sieben Kinder samt Schwiegersohn. Das Rheiner Ärztegeschlecht schildert das Kapitel Die Familie Schilgen in Rheine; auf den Stammvater Bürgermeister Dr. jur. Johann Schilgen geht die Gedenktafel von 1995 zurück.
Transkription der Grabstätte (linke und rechte Stele):
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Dr. med. Theodor Schilgen — Arzt in Rheine
* 1809 · † 1862 -
Wilhelmine „Mina" Schilgen, geb. Everke — seine Ehefrau
* 29. August 1820 · † 14. April 1898 -
Theodora Fiehe, geb. Schilgen — Tochter, ⚭ Dr. Anton Fiehe
* 11. Januar 1849 · † 3. April 1922 -
Dr. med. Anton Fiehe — Schwiegersohn
* 14. November 1838 · † 1. September 1885 -
Anna Schilgen — unverheiratete Tochter
* 30. Juli 1851 · † 13. September 1919 -
Elisabeth Schilgen — unverheiratete Tochter (rechte Stele)
* 1854 · † 1871
Das Ehepaar hatte insgesamt sieben Kinder; hier bestattet sind die Eltern, drei ihrer Kinder und der Schwiegersohn.
Am selben Ort erinnert eine 1995 errichtete Gedenktafel an das Rheiner Schilgen-Ärztegeschlecht und seinen frühesten namentlich fassbaren Vorfahren:
Zum Gedenken an
Dr. jur. Johannes Schilgen,
Bürgermeister in Rheine zwischen 1679 und 1689,
und Agnes geb. Wessels
und die Ärzte und deren Ehefrauen:
Dr. Friedrich Karl Schilgen und Theodora Meyer
Dr. Jodokus Gottfried Schilgen und Katharina Sträter
Dr. Theodor Schilgen und Mina Everke
tätig in Rheine von 1768–1862
Errichtet anno 1995
Friedhof Nordwalder Straße — Familien Jodokus und Stephan Schilgen
Auf dem alten Friedhof an der Nordwalder Straße liegen die beiden Gründer der Firma J. Schilgen mit ihren Familien begraben — die Brüder Jodokus und Stephan Schilgen senior, die in den 1870er Jahren die Schilgensche Textilindustrie in Emsdetten begründet haben (siehe Die Brüder).
Grabstätte der Familie Jodokus Schilgen
Grabstätte der Familie Stephan Schilgen senior
Transkription der rechten Seite (Lesung am Stein, wo Steinverwitterung vorliegt mit der Gedenktafel der Familie abgeglichen):
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Wwe. Stephan Schilgen — Franziska geb. Schaub
* 25. Mai 1860 (Nieukerk) · † 29. November 1923 (Emsdetten) -
Wilhelm Schilgen — Sohn aus 1. Ehe
* 1877 · † 1927 (Amelsbüren, Haus Kannen) -
Ottilie Schilgen verh. Hecking — Tochter aus 2. Ehe
* 1885 · † 1957 (Emsdetten) -
Hardy Schilgen — Sohn aus 1. Ehe; Jesuitenpater
* 1876 · † 1941 (Münster) -
Franz Schilgen — Sohn aus 2. Ehe; Kaufmann
* 1884 · † 1969 (Emsdetten)
Mehrere dieser Personen verstarben außerhalb Emsdettens (Hardy in Münster, Wilhelm in Amelsbüren); ihre Namen auf dem Familiengrab sind in dem Fall Gedenkinschriften, keine Bestattungseinträge.
Beigesetzt sind hier — soweit aus den Inschriften und der Familienüberlieferung ablesbar — Stephan Schilgen sr. (1846–1912) und seine beiden Ehefrauen Caroline Ottilie geb. Jackson (1853–1880) und Maria Franciska Henrica geb. Schaub (1860–1923) sowie früh verstorbene und unverheiratet gebliebene Kinder der Familie. Eine vollständige Auflistung aller Personen mit Lebensdaten ergibt sich aus der Gedenktafel der Familie (siehe unten).
Alter Friedhof Heidberge — Kriegerdenkmal und Sammelgräber
Gegenüber dem bis heute genutzten Friedhof an der Nordwalder Straße liegt — auf der anderen Straßenseite — der alte Friedhof Heidberge. Er ist inzwischen geräumt und wird als Park genutzt; erhalten geblieben sind das Emsdettener Kriegerdenkmal und dahinter drei große Sammelgrabplatten, auf die bei der Räumung die Namen der hier einst Bestatteten zusammengetragen wurden. Auf beiden findet sich die Familie Schilgen.
Kriegerdenkmal — drei gefallene Söhne der Familie
Das Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs ist eine Soldatenfigur auf hohem Sockel mit der Inschrift „1914 ✝ 1920 · Den Verteidigern unserer Heimat". Auf seiner Rückseite stehen — unter den Namen der Emsdettener Gefallenen — drei Söhne der Familie Schilgen unmittelbar untereinander.
Zwei der drei waren Söhne Jodokus Schilgens senior, der dritte ein Sohn Stephan Schilgens senior — die beiden Firmengründer verloren also im selben Krieg je einen (Stephan) bzw. zwei (Jodokus) ihrer Söhne:
- Hermann Schilgen (Sohn Jodokus’), * 18. Dezember 1894 — Vizewachtmeister im Fußartillerie-Bataillon Nr. 149, Eisernes Kreuz; erlag nach vier Kriegsjahren am 28. September 1918 in einem Feldlazarett dem Typhus.
- Ernst Schilgen (Sohn Jodokus’), * 2. November 1896 — Unteroffizier und Offiziersaspirant im Infanterie-Regiment Nr. 150, Eisernes Kreuz; fiel am 27. Mai 1918 an der Westfront.
- Heinz Schilgen (Johann Heinrich, Sohn Stephans sr.), * 25. November 1895 — Unteroffizier im Reserve-Feldartillerie-Regiment Nr. 45; fiel am 1. Oktober 1916 an der Somme.
Die ausführlichen Lebensläufe der gefallenen Söhne stehen bei den Familien (Jodokus’ Söhne im Weltkrieg sowie Heinz Schilgen an der Somme).
Sammelgrabplatten — Margareta Schilgen (1886–1891)
Margareta Schilgen, eine Tochter Jodokus Schilgens senior, starb 1891 im Alter von erst fünf Jahren. Bei der Räumung des Friedhofs wurde ihr Name — zusammen mit dem weiterer früh Verstorbener — auf eine der drei großen Sammelgrabplatten übertragen. Ein stiller Beleg dafür, wie häufig der frühe Kindstod auch die wohlhabenden Fabrikantenfamilien des 19. Jahrhunderts traf.
Friedhof Hembergener Damm — Familie Joseph Schilgen
Joseph Schilgen (1887–1955), der die nächste Unternehmer-Generation verkörperte, ruht mit seiner Familie auf dem zweiten Emsdettener Friedhof — am Hembergener Damm. Beigesetzt sind hier Joseph selbst, seine erste Ehefrau Rita geb. Charlier (1891–1941) und seine zweite Ehefrau Agnes geb. Goost (1893–1975) sowie Familienmitglieder der nachfolgenden Generation. Die räumliche Trennung der Generationen — Eltern auf der Nordwalder Straße, Joseph auf dem Hembergener Damm — spiegelt schlicht den zeitlichen Versatz beider Friedhöfe in der Stadtentwicklung wider.
Villa Schilgen und die beiden Gedenktafeln
Das Wohnhaus der Familie Stephan Schilgen sr. in der Kirchstraße 40 — bei der Familie und auf der Gedenktafel schlicht „Villa Schilgen" genannt — beherbergt heute die Stadtbibliothek Emsdetten. Hier wohnte die Familie gut ein halbes Jahrhundert.
An die Familie erinnern zwei ausführliche Gedenktafeln — eine für Stephan Schilgen sr. mit seinen beiden Ehefrauen und allen 14 Kindern beider Ehen, eine für seinen Sohn Joseph Schilgen mit Familie —, jeweils mit Lebensdaten und kurzen Hinweisen auf Beruf oder Wohnort. Beide hängen heute im Treppenhaus der Gänselieselvilla (Kirchstraße 43, von Joseph 1912 erbaut), neben den Familienbildern der Familie.