Joseph Schilgen — die nächste Generation
Als Stephan Schilgen senior am 20. Dezember 1912 in Emsdetten starb, ging die Firma J. Schilgen an die nächste Generation über. Aus seinen vierzehn Kindern zweier Ehen erbten Joseph (1887–1955) und Stephan jr. (1889–1965) gemeinsam die elterliche Firma. Joseph baute sich 1912 ein eigenes Haus an der Kirchstraße — die Gänselieselvilla, direkt gegenüber der väterlichen Villa, in der heute die Emsdettener Stadtbibliothek untergebracht ist.
Die Gänselieselvilla — Kirchstraße 43
Joseph Schilgen ließ das Haus 1912 — im Todesjahr seines Vaters und zugleich seinem Hochzeitsjahr — als neue Familienresidenz erbauen. Die Adresse ist programmatisch: Kirchstraße 43, in unmittelbarer Sichtachse zu den beiden Wohnhäusern der Gründergeneration in Kirchstraße 38 (Jodokus Schilgen) und Kirchstraße 40 (Stephan Schilgen senior). Drei Villen in dichter Folge — die Schilgens hatten ihr Quartier dort verankert, wo Pfarrkirche und Industrie noch zueinander sahen.
Der Name Gänselieselvilla bürgert sich in Emsdetten ein wegen der Brunnenfigur im Eingangsbereich; das Haus selbst ist stadtbekannt als eines der markanten Bürgerhäuser an der Kirchstraße aus der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg.
Joseph Schilgen — Fabrikbesitzer und Reichstagsabgeordneter
Joseph Stefan Anna Schilgen wurde am 24. April 1887 in Emsdetten geboren — als drittes Kind aus der zweiten Ehe von Stephan Schilgen senior mit Maria Franciska Henrica Schaub (1860–1923). Er besuchte von 1893 bis 1896 die Volksschule in Emsdetten, anschließend von 1896 bis 1900 das Jesuitenkolleg in Feldkirch in Vorarlberg. Von 1905 bis 1907 absolvierte er eine Kaufmannslehre im Familienbetrieb — der Jutespinnerei und Weberei J. Schilgen. 1909 ging er nach Schottland und vertiefte sein Fachwissen in einer Textilfabrik in Dundee; anschließend studierte er von 1909 bis 1911 an den Handelshochschulen in Köln und München.
Am 8. Mai 1912 heiratete er in Malmedy Rita Charlier (1891–1941). Aus dieser Ehe gingen sechs Kinder hervor; vier davon — Margarethe (1914), Maria (1916), Johannes „Hans" (1917) und Theodor Ludwig (1921) — wuchsen in der Gänselieselvilla auf. Nach Ritas Tod heiratete Joseph 1944 in zweiter Ehe Agnes Goost (1893–1975); diese Verbindung blieb kinderlos.
Joseph führte die Schilgensche Textilfabrik in Emsdetten weiter und engagierte sich darüber hinaus politisch: er saß als Abgeordneter der Zentrumspartei in der Weimarer Nationalversammlung, jener verfassungsgebenden Versammlung, die 1919 in Weimar die Verfassung der Weimarer Republik beschloss. Konkret rückte er im November 1919 für Karl Matthias Schiffer nach und vertrat den Wahlkreis 17 (Münster-Minden) bis zum Zusammentritt des ersten Reichstags der Weimarer Republik im Juni 1920. Die Erinnerungstafel an der ehemaligen Villa Schilgen (heute Stadtbibliothek Emsdetten) hält ihn schlicht als „Textilfabrik-Besitzer; Erbe der Fabrik; Mitglied der Weimarer Nationalversammlung (Zentrumspartei); erbaute 1912 die Gänselieselvilla" fest. 1955 konnte er sein fünfzigjähriges Berufsjubiläum feiern — wenige Wochen später, am 11. August 1955, starb er in Emsdetten und wurde auf dem Friedhof Hembergener Damm beigesetzt (siehe Erinnerungsorte).
Schul-, Lehr- und Studienstationen, der Schottland-Aufenthalt sowie der genaue Verlauf des Reichstagsmandats sind dem Artikel Joseph Schilgen in der deutschsprachigen Wikipedia entnommen; dieser stützt sich seinerseits auf einen Beitrag in Die Zeit vom 9. Juni 1955 (anlässlich Josephs fünfzigjährigen Berufsjubiläums).
Stephan jr. — der miterbende Bruder
Mit Joseph teilte sich sein Bruder Stephan Gustav Maria Schilgen (22. April 1889 Emsdetten – 2. November 1965 Emsdetten; verheiratet seit 1915 mit Gertrud Maria Franziska Heüveldop, 1892–1938) das Erbe der Firma. Beide werden auf der Stadtbibliotheks-Gedenktafel ausdrücklich als Erbe der Fabrik geführt — Joseph und Stephan jr. übernahmen 1912 gemeinsam, was Stephan sr. nach dem Rückzug seines Bruders Jodokus 1902 (siehe Die Brüder) allein weitergeführt hatte.
Die dritte Generation — Hans, Theo und Hermann
Die Fortführung in die dritte Generation erfolgte über beide Erben-Linien. Aus Josephs Linie übernahmen seine beiden ältesten Söhne aus der Ehe mit Rita Charlier die Firma:
- Johannes „Hans" Josef Ottilie Schilgen (* 20. Oktober 1917 in Emsdetten, † 27. Dezember 2009 in Emsdetten) — der ältere Sohn, Fabrikbesitzer in Emsdetten; führte das Unternehmen über die Nachkriegszeit hinaus.
- Theodor Ludwig Julius Schilgen (* 18. Mai 1921 in Emsdetten, † 9. August 1998 in Emsdetten) — ebenfalls Fabrikbesitzer in Emsdetten, an Hans' Seite.
Aus Stephan jr.'s Linie trat sein älterer Sohn ein:
- Hermann-Josef Bernhard Stephan Maria Schilgen (* 18. Mai 1916 in Emsdetten, † 30. April 2001 in Emsdetten) — Fabrikbesitzer in Emsdetten. Sein einziger Bruder Johann-Heinrich „Heinz" Joseph Franz Maria Schilgen (* 15. Mai 1917 in Emsdetten, † 12. August 1941 an der Luga in Nordrußland), Leutnant, fiel im Zweiten Weltkrieg; benannt war er nach seinem Onkel Heinz (1895–1916), der 1916 an der Somme gefallen war.
Damit blieb die J. Schilgen über drei Generationen — Stephan senior (1846–1912), die Erben-Brüder Joseph und Stephan jr. (geb. 1887/1889), und die Cousins Hans, Theo und Hermann (geb. 1916/1917/1921) — in der Hand der Stephanlinie. Eine ausführlichere Aufstellung der Familienzweige liefert die zugangsgeschützte Nachfahren-Stammtafel.