Die Brüder Schilgen
Die kaufmännische Ader, die wir schon früher bei verschiedenen Mitgliedern der Familie Schilgen zu beobachten Gelegenheit hatten, sollte sich nach drei Generationen von Medizinern in Rheine an den beiden Söhnen des Arztes Theodor Schilgen wiederum offenbaren. Diesen beiden, den Brüdern Jodokus und Stephan Schilgen, war es beschieden, einen hervorragenden Anteil an dem außerordentlichen Aufblühen des Fabrikwesens in Emsdetten und damit auch des Ortes selbst zu nehmen.
Lehrjahre Jodokus Schilgens
Der ältere von beiden, Jodokus Schilgen, am 21. August 1844 zu Beckum geboren, war am 1. April 1861 bei der Firma H. Heüveldop & Sohn als Kaufmannslehrling eingetreten und mit einer geringen Unterbrechung 8–9 Jahre lang bei dieser in Stellung geblieben. Etwa im Mai 1870 gründete er zusammen mit Anton Carlé aus Warendorf unter der Firma Schilgen & Carlé in Emsdetten ein Leinen-Fabrikationsgeschäft.
Stephan Schilgens kaufmännischer Weg
Der jüngere, Stephan Schilgen, besuchte das Gymnasium in Rheine, die Realschule in Münster und daran anschließend die Handelsschule in Osnabrück, wo er mit gutem Erfolge die Abgangsprüfung bestand. Darauf trat er als Lehrling in die Mühle der Firma Ellerhorst ein. Hier zeigte der erst Zwanzigjährige schon derart günstige kaufmännische Veranlagung, daß Herr Ellerhorst bei einer zur Besserung seines Gesundheitszustandes notwendig gewordenen längeren Reise ihm allein die Führung der Geschäfte anvertraute.
Dann trat er, nachdem er noch kurze Zeit zur Ausbildung in einem Berliner Geschäft tätig gewesen war, bei der ersten und damals einzigen Rheiner Baumwollspinnerei, der heutigen Firma Jackson, als Angestellter ein. Auch hier war seine Tätigkeit sehr erfolgreich, sodaß ihn Hardy Jackson sen., damals noch Direktor der Aktien-Gesellschaft, später alleiniger Inhaber, schon im Alter von 25 Jahren zum Prokuristen vorschlug. Die Mehrheit der Aktionäre entschied sich aber für einen um mehrere Jahre älteren Herrn Kümpers.
Gründung der Firma J. Schilgen
Daraufhin entschloß sich Herr Stephan Schilgen, der schon damals die Verlobung mit der Tochter des Herrn Hardy Jackson beabsichtigte, sich eine eigene Existenz zu gründen. Obwohl sein Denken zunächst der Baumwolle galt, entschloß er sich auf Vorschlag seines Bruders Jodokus, mit diesem das bislang nicht erfolgreiche Geschäft der Firma Schilgen & Carlé unter der Firma J. Schilgen zu übernehmen.
Das neu aufgebaute Unternehmen fing bald an, gute Erfolge zu zeitigen, sodaß man sich nach 5 Jahren (1879) zum Bau einer mechanischen Weberei, der fünften Fabrik in Emsdetten, entschloß. Diese Weberei wurde von vornherein in der Hauptsache für die Anfertigung von Jutegeweben eingerichtet und im Laufe der folgenden Jahre machte diese Spezialisierung weitere Fortschritte. Trotz großer Schwierigkeiten wurde auf Drängen Stephan Schilgens im Jahre 1890 eine Jutespinnerei errichtet. Es wurden von Brandenburg a. d. Havel Lehrspinnerinnen herübergeholt, die solange blieben, bis eine Anzahl Emsdettener Mädchen das Spinnen gelernt hatten. Die Errichtung der Spinnerei wurde bald dem ganzen Unternehmen sehr dienlich, sodaß in der wirtschaftlichen Bedeutung der Firma weitere Fortschritte gemacht wurden.
Wechsel an der Spitze
Im Jahre 1902 faßte Jodokus Schilgen den Entschluß, sich von der Firma zurückzuziehen. Stephan Schilgen leitete diese dann mit dem alten Unternehmungsgeiste und recht guten Erfolgen weiter, sodaß es ihm möglich wurde, die gewaltigen Abzahlungen, die er beim Ausscheiden des Bruders übernommen hatte, voll und ganz zu leisten.
Leider aber ließ die Gesundheit des Herrn Stephan Schilgen bald zu wünschen übrig. Die jahrzehntelange aufs Äußerste angespannte Tätigkeit, die Aufregungen infolge der erlittenen Schicksalsschläge in der Familie, sowie die mit Aufleben der christlichen Gewerkschaften beginnenden wirtschaftlichen Kämpfe mit seiner ihm sehr am Herzen liegenden Arbeiterschaft trugen ihm im Sommer 1905 einen leichten Schlaganfall ein; und obwohl er sich zunächst erholte, trat schon nach einigen Jahren ein Nachlassen der Kräfte und eine Verschlimmerung seines allgemeinen Gesundheitszustandes ein. Mit regem Interesse verfolgte er den Gang der Firma. Bis kurz vor seinem am 20. Dezember 1912 erfolgten Tode ließ er sich, durch Lähmungserscheinungen im Gehen behindert, fast täglich durch die Fabrik fahren. Die heranwachsenden Söhne zweiter Ehe konnten, nachdem die älteren erster Ehe bereits durch anderweitige Lebensstellungen in Anspruch genommen waren, mit jungen Jahren tatkräftige Hilfe in der Firma leisten.
Schilgen & Werth
Herr Jodokus Schilgen trat im Jahre 1912 mit Herrn Fritz Werth in Verbindung, um sich erneut an einem Fabrik-Unternehmen zu beteiligen. Herr Werth hatte bereits im Frühjahr Grund und Boden für den Bau einer Jutespinnerei erworben. Auch dieses Unternehmen, geführt unter der Firma Schilgen & Werth, war sehr erfolgreich und gehört zur Zeit der Quellenabfassung (1925) mit zu den ersten Firmen am Platze.
Nachklang (Familienüberlieferung). Pottmeyer berichtet zur Drucklegung 1925 noch von Erfolg; nach Auskunft von Dr. Sibylle Hecking (siehe Quellen) ging Schilgen & Werth jedoch später in Konkurs — der wirtschaftliche Niedergang erfolgte erst nach Erscheinen des Werks von Heinrich Pottmeyer und ist dort folglich nicht mehr verzeichnet.