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Die Fabrik

J. Schilgen — Leinen- und Jute-Weberei, Emsdetten, seit dem 13. Januar 1880

Was die Gebrüder Jodokus und Stephan Schilgen 1873 als kaufmännisches Leinen­geschäft begonnen hatten, wurde am 13. Januar 1880 zur Fabrik: An der Borghorster­straße nahm die mechanische Weberei der Firma J. Schilgen mit 26 Web­stühlen und 40 Arbeitern den vollen Betrieb auf. Aus diesem geringfügigen Anfang wurde binnen einer Generation der größte Textil­betrieb Emsdettens — und der Motor, dem die Stadt einen guten Teil ihres Aufstiegs zum Industrieort verdankt.

Lithografierte Gesamtansicht der Leinen- und Jute-Weberei J. Schilgen: langgestreckte Sheddach-Fabrikhallen, hoher Schornstein mit Rauchfahne, runder Gasometer, davor Fuhrwerke und Spaziergänger; Schriftzug „Leinen und Jute-Weberei
Briefkopf-Lithografie der Leinen- und Jute-Weberei J. Schilgen — Gesamtansicht des Werks mit Sheddach­hallen, Schornstein und Gasometer. Im Kopf die Filial­adressen Berlin S.W., Schützenstraße 15 und Cöln, Birkenpfuhl 6.

Der Anfang: 1879/80

Im stetigen Aufwärtsstreben hatten die beiden Gründer ihr Verlags­geschäft nach verhältnis­mäßig kurzer Zeit so weit gebracht, dass sie sich 1879 zum Bau einer eigenen mechanischen Weberei entschlossen. Ein passendes Gelände an der Borghorster­straße wurde angekauft, die Fabrik­gebäude darauf errichtet, und zum Jahresbeginn 1880 lief der Betrieb an. J. Schilgen war damit die fünfte mechanische Fabrik Emsdettens — nach H. Wilmers (1856), H. Heüveldop (1864), F. Mülder (1871) und J. C. Biederlack (1872).

Der Aufstieg ging schnell: Schon 1891 hatte das Unternehmen jeden der vier älteren Betriebe des Ortes weit hinter sich gelassen. Die amtliche Gewerbe­statistik vom Dezember 1891 zählte bei J. Schilgen bereits 336 Arbeiter — mehr als doppelt so viele wie beim nächst­größeren Betrieb.

Spezialisierung auf Jute

Innenaufnahme der Jute-Spinnerei: eine Arbeiterin in Schürze bedient die Spinnmaschine, im Vordergrund und entlang der Maschine zahlreiche aufgesetzte Garnspulen
In der Jute-Spinnerei der Firma J. Schilgen — eine Spinnerin an den Maschinen. Für die Anlernung mussten anfangs Lehr­spinnerinnen aus Brandenburg an der Havel geholt werden.

Obwohl Stephan Schilgen seine fachmännische Ausbildung in einer Baumwoll­weberei erhalten hatte, richtete sich der Betrieb auf sein Befürworten von Anfang an hauptsächlich auf die Herstellung von Jute­geweben ein und spezialisierte sich im Lauf der Zeit immer weiter in diese Richtung. 1890 kam — auf Drängen des jüngeren Teilhabers — eine eigene Jute-Spinnerei hinzu. Bis sich die einheimischen Mädchen in das ihnen fremde Rohmaterial eingearbeitet hatten, mussten Lehr­spinnerinnen aus Brandenburg an der Havel geholt werden. Die Spinnerei erwies sich als vorzüglicher Plan und trug wesentlich zum wirtschaftlichen Aufstieg des Geschäfts bei.

In den geräumigen Anlagen — eine bebaute Fläche von rund 25 000 Quadratmetern — fanden sich neben Jute-Spinnerei und -Weberei eine Leinen-Weberei, eine Säcke-Fabrik sowie eine Färberei und Appretur-Anstalt. Als Spezialitäten entstanden Gewebe für Polsterei und Matratzen, Strohsack­leinen, Wattier- und Steifleinen. Über allem ragte ein Fabrik­schlot von 65,3 Metern Höhe auf.

Wachstum in Zahlen

Ein Bild des beständigen — und nur durch den Ersten Weltkrieg zeitweilig gehemmten — Aufstiegs geben die Beschäftigten- und Maschinen­zahlen:

JahrArbeiterWebstühleSpindeln
18804026
1891336
1905612
1918340
19217464524 532
19301 0945277 084

Zum 50-jährigen Bestehen 1930 zählte die Firma weit über tausend Beschäftigte. Bemerkenswert die Betriebs­treue: 99 Arbeiter standen damals länger als 25 Jahre in Diensten des Hauses. Eine nicht unbedeutende Vergrößerung war 1927 durch die Übernahme des Betriebs der Firma Bergmann und Beermann hinzugekommen.

Aus dem Reglement von 1880. Die früheste erhaltene Arbeits­ordnung der Firma (16 Punkte, datiert „Emsdetten, 1. Januar 1880") gibt einen Eindruck vom Fabrik­alltag: Rauchen und das Mitführen von Zünd­hölzern waren „bei Strafe strenge untersagt", der Lohn wurde alle 14 Tage am Freitag ausgezahlt, Zuspätkommen kostete 20 Pfennig. Bemerkens­wert sozial der Schluss: „Alle Abzüge werden zurück­gelegt und zur Unterstützung kranker, bedürftiger Weber und Arbeiter verwandt." — Eine Strafenkasse zugunsten der Belegschaft.

Schilgen u. Werth, 1913

Schwarzweißfoto von 1913: Richtfest eines langgestreckten Fabrikbaus, auf dem offenen Dachstuhl Richtkränze, davor eine Gruppe Männer in dunklen Anzügen und mit Hüten auf dem sandigen Bauplatz
Bau der Jute-Spinnerei Schilgen u. Werth, 1913 — Richtfest auf dem Bauplatz. Jodokus Schilgen gründete das zweite Unternehmen gemeinsam mit Friedrich Werth.

1903 zog sich der Senior der Firma, Jodokus Schilgen, nach 33 Jahren aus dem gemeinsamen Geschäft zurück und verpflichtete sich, zehn Jahre lang kein Konkurrenz­unternehmen in Emsdetten zu gründen. Nach Ablauf dieser Frist hielt es den beinahe Siebzigjährigen jedoch nicht zurück: 1913 gründete er mit Friedrich Werth unter der Firma Schilgen u. Werth eine eigene Jute­spinnerei, die sich ebenfalls als sehr erfolgreich erwies. Jodokus Schilgen starb, längst vollständig aus dem Geschäft zurückgezogen, hochbetagt am 1. Februar 1929.

Das Verwaltungsgebäude — heute „Turnvilla"

Zweigeschossiges Verwaltungsgebäude aus Backstein mit Walmdach und reich verziertem Eingangsportal, davor ein überdachter Fahrradständer mit abgestellten Fahrrädern
Das Verwaltungs­gebäude der Firma J. Schilgen an der Kolping­straße — repräsentativer Backsteinbau mit Schmuck­portal, direkt gegenüber der Gänselieselvilla.

Das Verwaltungs­gebäude der Firma steht an der Kolping­straße, direkt gegenüber der Gänselieselvilla (Kirchstraße 43), die sich Joseph Schilgen 1912 erbaut hatte — Wohnen und Verwalten lagen also in Sichtweite zueinander. Der repräsentative Backsteinbau ist erhalten und wird heute als „Turnvilla" genutzt. Das ausgedehnte Fabrik­gelände davor, auf dem einst Spinnerei, Weberei und Säcke­fabrik standen, dient heute als Supermarkt-Standort — von der einstigen Textil­fabrik ist im Stadtbild damit vor allem das Verwaltungs­haus geblieben.

Quellen. Die Betriebs­daten und die Firmen­geschichte folgen dem Jubiläums­aufsatz „50 Jahre Firma J. Schilgen in Emsdetten" von Heinrich Pottmeyer (in: Die Heimat, Jg. 9, 1931) sowie dem Firmen­werk Pottmeyers von 1925. Das zitierte Reglement stammt aus dem Firmen­archiv (Abschrift, datiert 1. Januar 1880). Die historischen Aufnahmen (Werks­lithografie, Spinnerei, Richtfest 1913, Verwaltungs­gebäude) stammen aus dem Familien-/Firmen­archiv. Übersicht auf der Seite Quellen.