Dr. jur. Johann Schilgen, Bürgermeister in Rheine
Aus: Heinrich Pottmeyer, Kurze Geschichte der Familie Schilgen bezw. von Schilgen, Münster 1925. Diplomatische Wiedergabe; reine Archivnachweise weggelassen. Eine Seite des Originals führt den Text in schmalen Spalten um eine Wappen-Abbildung; die dadurch verschränkten Absätze sind hier in die sinngemäße Lesefolge gebracht.
Eine in mehr als einer Hinsicht interessante Persönlichkeit tritt uns entgegen in Dr. jur. Johannes Schilgen, der nach Westfalen übersiedelte und der Stammvater der heute weitverzweigten, über eine Anzahl deutscher Gaue und drei bis vier fremde Länder verbreiteten Familie Schilgen bezw. von Schilgen wurde. Als siebenter Sohn und zehntes Kind des Postmeisters Johann Schilgen und seiner Ehefrau Gertrud Geul in Köln geboren, empfing er bei seiner Taufe, die am 22. September 1645 in der Kirche St. Alban stattfand, wiederum den Namen Johannes, den sein achtzehn Jahre älterer Bruder bereits trug. Der jüngere Johannes Schilgen besuchte das Gymnasium Laurentianum in seiner Vaterstadt und wurde als Fünfzehnjähriger am 12. Mai 1660 an der dortigen Universität immatrikuliert, wo er Rechtswissenschaft studierte. Vermutlich wurde er dort auch zum Doktor utriusque juris promoviert, doch ist über die fünfzehn Jahre, die seiner Immatrikulation folgen, keine verbürgte Kunde auf uns gekommen. Nach einem Vermerk, den ein Studierender an der Universität Berlin 1822 in seinem antiquarisch angekauften Corpus juris fand, scheint es, daß Dr. Johannes Schilgen sich nach Vollendung seiner Studien zeitweilig in Speier aufgehalten hat. Da sich dort zu der Zeit das Reichskammergericht befand, ist es gut möglich, daß er in seiner Eigenschaft als Rechtsgelehrter zunächst in Speier tätig war, doch führten darüber angestellte Nachforschungen bisher zu keinem Ergebnis.
Ebenfalls unbekannt ist uns der genaue Zeitpunkt, wann Dr. Johann Schilgen zuerst nach Westfalen kam. Die früheste Vermeldung über ihn finden wir in den Trauregistern der alten St. Dionysiuskirche in Rheine, wo er am 28. Januar 1675 mit Anna Agnes Wessels in den Ehestand trat. Als Trauzeugen treten auf sein älterer Bruder P. Johannes Schilgen, Geistlicher in Bentlage, und P. Michael Balckhaus, Prior dieses Klosters. Die Mutter der jungen Ehefrau, Maria von Beesten, Tochter von Johann von Beesten, Richter und Gograf der Aemter Rheine und Bevergern, und seiner Ehefrau Klara Letmathe, war in erster Ehe mit einem Wessels, in zweiter Ehe mit einem Wesselinck verheiratet. Diese Namenähnlichkeit gab Anlaß, daß ihrer Tochter Agnes, die aus der ersten Ehe stammte, zuweilen irrtümlicherweise der Name Wesselinck beigelegt wurde, wie er auch in dem Traubuch zu Rheine aus dieser Schreibweise in Wessels verbessert ist. Ein anderer Bruder von Agnes war Ordensgeistlicher in Bentlage.
Kurz nach seiner Verehelichung, am 30. März 1675, wurde Dr. jur. Johann Schilgen durch den Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen zum Staatsanwalt (Advocatus fisci) und Kriegsgerichtsrat (Auditor in militaribus) der Aemter Rheine und Bevergern ernannt, eine Bestallung, die der Nachfolger Christoph Bernhards, Fürstbischof Ferdinand II. von Fürstenberg, am 12. Dezember 1679 erneuerte. Am 4. März 1677 nahmen „Herr Joannes Schilcken, Juris utriusque doctor, und Angnes Wessels" dann die Bürgerschaft der Stadt Rheine an. Zu welchem Ansehen der fürstlich münsterische Staatsanwalt und Kriegsgerichtsrat Schilgen es in kurzer Zeit in seinem neuen Wohnorte brachte, geht am klarsten daraus hervor, daß er am 22. Februar 1679 zum Bürgermeister der Stadt Rheine erwählt wurde. In der Folgezeit haben ihm die Bürger Rheines dieses Amt dann noch fünfmal wieder übertragen, und zwar am 26. Februar 1681, am 16. Februar 1682, am 8. März 1683, am 12. März 1685 und am 28. Februar 1689, und alle sechs Male war Bernhard Kötter sein Mitbürgermeister.
Inzwischen traf ein herber Schicksalsschlag den rührigen Rechtsgelehrten und Bürgermeister, indem ihm seine Ehefrau Agnes Wessels durch den Tod entrissen wurde. Da Sterberegister aus jener Zeit im Pfarrarchiv Rheine fehlen, konnte der genaue Zeitpunkt ihres Absterbens nicht ermittelt werden, doch mag es in oder kurz vor das Jahr 1679 fallen. So könnte man wenigstens schließen aus der Inschrift auf einer Fensterscheibe, die sich gegenwärtig im Besitze des Geh. Sanitätsrats Dr. med. Ludwig Sträter zu Düsseldorf befindet. Sie hat folgenden Wortlaut:
Joannes Schilgen, jur. Vir. Doctor, Celsissimi Principis Monasteriensis Advocatus Fisci, Satrapiarum Reinensis et Bevergernensis Supremus Militiae Auditor, Consul Civitatis Reinensis — Anna Agnes Wessels P. D.1 Conjuges 1679.
(Johann Schilgen, Doktor der Rechte, Hochfürstlich-Münsterischer Staatsanwalt der Aemter Rheine und Bevergern, Oberster Kriegsgerichtsrat, Bürgermeister der Stadt Rheine; Anna Agnes Wessels, im Herrn entschlafen — Eheleute 1679.)
Die Inschrift ist von einer farbigen Rahmenzeichnung umgeben, und die Scheibe wurde aus einem Fenster geschnitten, das Dr. med. L. Sträter anfangs der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts von einem Düsseldorfer Antiquitätenhändler erstand, weil die darauf vermeldeten Personen die Urgroßeltern seiner Großmutter, einer geborenen Schilgen, sind. Nach einer persönlichen Mitteilung des Herrn Geheimrats Sträter enthielt das Fenster noch eine andere Inschrift, die auf den Bruder von Agnes Wessels, der Geistlicher war, Bezug hatte. Schade, daß das ganze Fenster nicht mehr vorhanden ist, sonst ließe sich vielleicht etwas mehr über den Zweck seiner Stiftung feststellen.
Der Ehe des Bürgermeisters Dr. Schilgen mit Agnes Wessels waren folgende Kinder entsprossen:
- Johannes Schilgen, getauft in der Pfarrkirche zu Rheine am Sonntag Sexagesima (9. Februar) 1676. Paten: Johann Beveren von Twickel, Droste der Aemter Rheine und Bevergern, und Maria von Beesten, Ehefrau Wesselinck (Großmutter des Täuflings).
- Maria Gertrudis Schilgen, getauft daselbst am Freitag nach dem Sonntag Exaudi (4. Juni) 1677. Paten: Jodocus von Beesten und Maria von Beesten (vermutlich wiederum die Großmutter).
Am 15. Mai 1683 ging Dr. Johann Schilgen eine zweite Ehe ein mit Anna Margarethe Flaginck. Die Trauung wurde in Lingen, dem Geburtsorte der Braut, vollzogen; als Trauzeugen waren gegenwärtig der hochw. Herr Bernardus Bergott und Henricus Beckmann. Die zweite Ehefrau des Bürgermeisters Schilgen war als älteste Tochter des Rechtsanwalts Nikolaus Flaginck und seiner Ehefrau Adelheid Pott zu Lingen geboren und am 10. Oktober 1655 in der dortigen katholischen Pfarrkirche getauft. Einer ihrer Brüder, Dr. Lambert Flaginck, wohnte in Rheine, ein anderer, P. Nikolaus Flaginck, war Ordenspriester und später (1701—1727) Prior in Bentlage; als Wohltäter dieses Klosters werden die beiden Eltern Nikolaus Flaginck und Adelheid Pott an verschiedenen Stellen der Klosterchronik genannt.
Das verbundene Wappen der Familien Schilgen und Flaginck, das den Eheleuten sehr wahrscheinlich von Freunden — wie es jetzt noch bei adeligen und damals auch bei angesehenen bürgerlichen Familien Brauch war — zum Andenken an ihre Vermählung verehrt wurde, ist bis auf den heutigen Tag bewahrt geblieben und befindet sich gegenwärtig im Besitze der Familie Schilgen in Emsdetten. Die darunterstehende Inschrift lautet (nach Auflösung der Abkürzungen) folgendermaßen:
Joannes Schilgen juris utriusque doctor, serenissimi principis episcopi Monasteriensis fiscalis satrapiarum Reinensis et Bevergernensis, quondam supremus militiae auditor, consul civitatis Reinensis; Anna Margaretha Flaginck, conjuges 1684.
(Joannes Schilgen, Doktor beider Rechte, Sr. Durchlaucht des Fürstbischofs von Münster Fiskalanwalt der Ämter Rheine und Bevergern, gewesener Oberkriegsgerichtsrat, Bürgermeister der Stadt Rheine; Anna Margaretha Flaginck, Eheleute, 1684.)
Am 17. Februar 1684 nahm „Anna Margaretha Flaginck, Herrn Doctoris und Bürgermeistern Schilgen Hausfrau" die Bürgerschaft der Stadt Rheine an. Das einzige Kind, mit dem die zweite Ehe des Dr. Johann Schilgen gesegnet war, wurde am 9. April 1686 in der Pfarrkirche zu Rheine unter dem Namen Nikolaus getauft. Seine Paten waren Dr. jur. Nikolaus Flaginck (der Großvater) und Henrica von Filsteren.
In seinem neuen westfälischen Heim hatte Dr. Johann Schilgen sich bald nach seiner Uebersiedlung seßhaft gemacht. Nach einer Aufzeichnung seines Urenkels, Dr. med. Jodocus Schilgen, von 1855 wohnte Bürgermeister Schilgen 1677 in einem Hause am Markt in Rheine, das sein Eigentum war. Dies wird bestätigt durch eine Originalurkunde auf Pergament vom 9. Januar 1677, worin Johannes Erasmus von Beesten, Richter zu Emblichheim, und seine Ehefrau Helena Zumsande dem Apotheker Bernhardt Hoieringh, Bürger zu Rheine, und dessen Ehefrau Christina Elisabeth zum Sande „ihr hauss binnen der Stadt Rheine zwischen Herrn Doctorn Johannis Schilgen und Engberten Fückers heusern ahm Marckt belegen und mit einem ende ahm kirchhoff stossend" verkaufen. Das hier verkaufte Haus ist, wie Herr Gymnasialdirektor a. D. Geheimrat Prof. Dr. Anton Führer zu Rheine mir gütigst mitteilte, eins von den beiden Häusern, aus denen das Haus Nr. 2 am Markt daselbst ursprünglich bestand, wie die zwei Giebel noch deutlich erkennen lassen. Der Verkäufer Johannes Erasmus von Beesten war aber der Oheim von Agnes Wessels, der ersten Frau des Bürgermeisters, und ich möchte infolgedessen annehmen, daß beide (gegenwärtig vereinigten) Häuser ursprünglich Eigentum der Familie von Beesten waren und daß eins davon an den genannten Richter Johann Erasmus, das andere an seine Schwester Maria von Beesten, die Mutter von Agnes Wessels, und von ihr an letztere durch Erbschaft übergegangen war. Ist dies richtig, so war Dr. Johann Schilgens Haus die andere Hälfte des Hauses Nr. 2; um aber entscheiden zu können, welche dies ist, müßten wir wissen, welches Haus Engbert Fücker 1677 bewohnte, was leider nicht der Fall ist.
Für den regen Anteil, den Dr. Johann Schilgen am Wohlergehen seiner Adoptiv-Vaterstadt Rheine nahm, zeugt u. a. das, was Dr. Anton Führer in seiner Festschrift zur Feier des 250jährigen Bestehens des Gymnasiums Dionysianum in Rheine berichtet: Im Jahre 1685 hatte das münsterische Domkapitel, das nach dem Tode des Fürstbischofs Ferdinand von Fürstenberg bis zur Wahl seines Nachfolgers die Regierung führte, die Aufhebung des von den Franziskanern geleiteten Gymnasiums beschlossen. „Natürlich rief die auffallende Verfügung", schreibt Dr. Führer, „in Rheine große Bestürzung hervor, und die Bürgermeister Kötter und Schilgen liessen es an Bemühungen nicht fehlen, der Stadt die Schule zu erhalten." Indessen fruchteten alle Vorstellungen nichts. Am 5. November 1685 faßte der Magistrat von Rheine den Beschluß, die drei unteren Klassen des Gymnasiums aus städtischen Mitteln zu erhalten. Fünfundzwanzig Jahre später, im Jahre 1708, konnte auch das Vollgymnasium wiederhergestellt werden, und 1715 wurde dessen Leitung wieder von den Franziskanern übernommen. So war es Dr. Johann Schilgen noch vergönnt, seine (und seines Amtskollegen Bernhard Kötter) Bemühungen um das höhere Schulwesen Rheines mit Erfolg gekrönt zu sehen.
Sein eifriges Streben für die materielle Wohlfahrt der Bürgerschaft und insbesondere ihr Gildewesen bekundet Dr. Johann Schilgen dadurch, daß er sich am 29. Juni 1685 — in welchem Jahre er das Bürgermeisteramt zum fünften Male innehatte — als Gildebruder in die Schneidergilde aufnehmen ließ. Wie sehr die Gildenbrüder die Ehre, die ihnen damit geschah, zu schätzen wußten, zeigte sich am 2. Juli 1687, als sie Dr. Johann Schilgen zusammen mit Bernd Kloppenborg zu Gildemeistern erwählten.
Um diese Zeit und früher sehen wir Dr. jur. Johann Schilgen sich gleichfalls in der Grafschaft Bentheim betätigen, wo er bereits 1680 als gräflicher Kommissar ein Urteil in Kriminalsachen mitabkündigte; auch war er Syndikus der Stadt Bentheim. So betitelt ihn nämlich Graf Ernst Wilhelm zu Bentheim, als er ihn am 11. Juni zu seinem Rat sowie zum Staatsanwalt (Advocatus fisci) in seiner Ober- und Niedergrafschaft und allen seinen Gerichten ernennt. Und als Johann Erasmus von Beesten, Richter zu Emblichheim, im nächsten Jahre starb, wurde Dr. Johann Schilgen zusammen mit Röttger von Deventer bis zur Großjährigkeit des Ernst Wilhelm von Beesten mit der Versehung des dortigen Richteramts beauftragt (26. Mai 1688). Als aber der Fürstbischof von Münster Dr. Johann Schilgen 1689 das Generalauditoriat seines Fürstentums für einige Zeit übertrug, wandte dieser sich am 20. Mai desselben Jahres mit der Bitte an den Grafen von Bentheim, sich bis zu seiner Wiederkunft durch Dr. Krull vertreten lassen zu dürfen. Möglicherweise wurde dem Dr. Johann Schilgen die Bürde der Ämter zugleich im Fürstentum Münster und in der Grafschaft Bentheim zu groß, und er entsagte denen in letzterem Ländchen freiwillig.
Verstorben war er jedenfalls auch damals noch nicht, als 1694 sein Nachfolger im Bentheimer Fiskalanwaltsamt ernannt wurde, denn er und seine Ehefrau Anna Margaretha Flaginck leihen dem Tuchhändler Johann Dirxen zu Rheine am 14. Mai 1694 und am 23. Februar 1695 jedesmal 40 Reichstaler. Hieraus entspann sich später ein Prozeß, der 1699 noch im Gange war; bis dahin lebte also Dr. Johann Schilgen noch, doch zählte er am 10. Januar 1714 zu den Abgestorbenen. Es findet sich nämlich bei den Akten der Rechtssache ein Schreiben des Rechtsanwalts F. W. Rokelose aus Münster von diesem Datum, gerichtet an „Madame veufe (!) Schilgen à Rheine" (Frau Witwe Schilgen zu Rheine).
Dr. Johann Schilgen hinterließ zwei Söhne: Johann (später genannt Johann Christoph) Schilgen aus seiner ersten Ehe mit Agnes Wessels, Stammvater der älteren Linie, dem wir in Dorsten, und Nikolaus Schilgen aus seiner zweiten Ehe mit Margarethe Flaginck, Stammvater der jüngeren Linie der Familie Schilgen, dem wir in Münster wiederbegegnen werden. Maria Gertrud Schilgen, die einzige Tochter des Bürgermeisters aus erster Ehe, scheint bereits vor ihm verstorben zu sein; sie hatte sich am 1. Oktober 1701 mit Melchior in der Bilen2 verheiratet, doch da dieser sich am 12. November 1704 mit einer anderen Frau (Anna Christina Pröbsting) verheiratete, muß sie ihm bereits einige Zeit vorher durch den Tod entrissen worden sein. Anna Margaretha Flaginck, Dr. Johann Schilgens zweite Ehefrau, überlebte ihren Gatten eine geraume Anzahl Jahre. Zu vier verschiedenen Malen, in den Jahren 1715, 1717, 1721 und 1724, unternahm sie die Reise nach Münster, um Kinder ihres Sohnes Nikolaus aus der Taufe zu heben. Sie hatte das gesegnete Alter von 85 Jahren erreicht, als sie am 7. Februar 1740 zu Rheine verstarb.
Anmerkungen
- Die Buchstaben P. D. können bedeuten: pie defuncta (im Herrn entschlafen), aber auch praeclara domina (hochverehrte Frau). ↩
- Die Familie in der Bilen (oder Bile) kommt verschiedene Male im Bürgerbuch der Stadt Rheine vor. Der wahre Familienname scheint Breda gewesen zu sein, „in der Bile(n)" ein Beiname, vermutlich vom Hausschild genommen. ↩