Johann Christoph Schilgen in Dorsten
Aus: Heinrich Pottmeyer, Kurze Geschichte der Familie Schilgen bezw. von Schilgen, Münster 1925. Diplomatische Wiedergabe; reine Archivnachweise weggelassen.
Welcher Art die Beziehungen waren, die Dr. Johann Schilgen, Bürgermeister von Rheine, im kurkölnischen Vest Recklinghausen hatte, wissen wir nicht, doch hatte er jedenfalls solche dort, mochten sie nun freundschaftlicher, verwandtschaftlicher oder geschäftlicher Art sein. Am 11. September 1685 sehen wir ihn nämlich in eigener Person an der Seite von Anna Elisabeth von Siegen, Ehefrau Lieskirchen, im vestischen Städtchen Dorsten ein Kind der Eheleute Hermann Langenberg und Margarethe Gochmans zur Taufe halten. Dann hören wir in Dorsten nichts mehr über ihn, doch tritt zehn Jahre später, am 4. September 1695, ebendort ein Johann Christoph Schilgen ebenfalls als Taufpate auf, und acht Nummern weiter im Taufbuch finden wir ihn unter dem einfachen Namen Christoph Schilgen als Ehemann der Maria Lucia Overbeck und Vater eines Kindes vermeldet. Wer ist nun dieser Johann Christoph Schilgen, wie er in der Folgezeit wiederum genannt wird? Bevor wir diese Frage beantworten, wollen wir das Wenige, das wir in Dorsten in Erfahrung bringen konnten, zusammenstellen.
An einem nicht näher bezeichneten Datum des Jahres 1695 nahm Johann Christoph Schilgen die Bürgerschaft der Stadt Dorsten an. Folgende Kinder von ihm und seiner Ehefrau Maria Lucia Overbeck wurden in der dortigen Pfarrkirche getauft:
- Maria Katharina Margaretha Schilgen, getauft am 5. November (Oktober?) 1695. Paten: Bernard Wissing und Katharina Besten.
- Johann Wilhelm Schilgen, getauft am 2. September 1697. Paten: Vincenz de Weldige gnt. Cremer und Mechtild Overbeck.
- Christian Joseph Schilgen, getauft am 2. März 1700. Paten: P. Christianus Schilgen, ord. S. Crucis, Prior des Klosters Marienfrede und Generaldefinitor des ganzen Ordens, vertreten durch den Vikar Christoph Scholven, und Katharina Elisabeth Deitermann.
- Ursula Christina Schilgen, getauft am 27. August 1705. Paten: Dr. jur. Henricus Reinerus Koel und Ursula Christina Rhode.
Von der ältesten der beiden Töchter der Eheleute Schilgen geschieht später keine Erwähnung mehr; vermutlich ist sie in früher Jugend gestorben. Die jüngste dagegen, Ursula Schilgen, verehelichte sich am 25. August 1737 in ihrem Geburtsort Dorsten mit Georg Sehler. Obwohl wir nun in der Regel die Nachkommen der Töchter nicht in Betracht ziehen, wollen wir in diesem Falle, da die Taufpaten uns wichtige Aufschlüsse liefern, von dieser Regel abweichen und die Kinder des Ehepaars Georg Sehler und Ursula Schilgen mit Namen und sonstigen Einzelheiten aufzählen. Folgende drei sind im Dorstener Taufregister verzeichnet:
- Johann Bernhard Sehler, getauft 1738 November 26. Paten: der hochw. Herr Johannes Schilgen und Maria Elisabeth Verspol.
- Johanna Barbara Josephina Sehler, getauft 1739 Dezember 5. Paten: Christian Joseph Schilgen, jur. utr. doctor und erster Assessor des Bentheimer Hofgerichts, vertreten durch Joseph Holthausen, jur. utr. doctor und Richter in Raesfeld, und Johanna Margaretha Sehler.
- Maria Gertrud Josephine Sehler, getauft 1742 September 16. Paten: Maria Helena Josephina Gertrudis Schilgen, geb. von Beesten, und Nikolaus von Schilgen, vertreten durch Maria Gertrudis Wolffsahl und den Vikar Christoph Scholven.
Nun kommen wir auf die Frage zurück, wer Johann Christoph Schilgen in Dorsten war. Daß Prior Christian Schilgen von Marienfrede die Patenschaft über ein Kind Johann Christophs übernimmt, zeugt für nahe Verwandtschaft zwischen beiden. Diese läßt sich aber nur erklären, wenn Johann Christoph Schilgen der Sohn eines der beiden in den Ehestand getretenen Brüder des Priors, entweder des Wilhelm Schilgen in Köln oder des Dr. Johann Schilgen in Rheine, war. Die politische Verbindung des Vests Recklinghausen mit Köln hätte uns vielleicht näher gelegt, uns für ersteren als seinen Vater zu entscheiden, wenn wir nicht durch die Dorstener Taufregister über die dortigen Beziehungen Dr. Johann Schilgens unterrichtet gewesen wären. Auch läßt das Auftreten der Katharina Besten (lies: Beesten, oder von Beesten) als Taufpatin des ältesten Kindes von Johann Christoph die Wagschale sofort entscheidend zur anderen Seite umschlagen: dieser muß ein Sohn von Dr. jur. Johann Schilgen, Bürgermeister zu Rheine, und Agnes Wessels (deren Mutter Maria von Beesten war) sein.
Hiermit ist die Sache jedoch noch keineswegs völlig klargestellt. Soviel wir wissen, hatte das letztgenannte Ehepaar nur einen Sohn, der am 9. Februar 1676 in Rheine unter dem Namen Johann getauft wurde. Ein älterer, uns etwa unbekannt gebliebener Sprosse von Johann und Agnes, die am 28. Januar 1675 in den Ehestand getreten waren, konnte Johann Christoph nicht sein, und ein jüngerer erst recht nicht, denn dann hätte er frühestens im März 1678 geboren sein können und wäre, da sein ältestes Kind im November oder Oktober 1695 getauft wird, knapp siebzehn Jahre alt gewesen, als er sich mit Lucia Overbeck verheiratete. Und das ist zu jener Zeit völlig undenkbar. Es bleibt uns demnach kein anderer Ausweg übrig als anzunehmen, daß Johann Christoph Schilgen in Dorsten und der in Rheine getaufte Sohn Johann des Bürgermeisters Schilgen ein und dieselbe Person sind. Das Zeugnis des Taufbuchs der Pfarre Rheine bezüglich des einfachen Namens Johann fällt nicht schwer dagegen in die Wagschale; es kam zu der Zeit häufig genug vor, daß Leute unter anderen Rufnamen durchs Leben gingen, als sie bei der Taufe empfangen hatten.
Als ein neues Rätsel könnte uns auf den ersten Blick der geistliche Herr Johannes Schilgen, den wir bei der Taufe des Johann Bernhard Sehler antreffen, erscheinen, doch werden wir wohl nicht weit fehl gehen, wenn wir ihn als den ältesten Sohn Johann Christoph Schilgens betrachten, der unter dem Namen Johann Wilhelm getauft wurde. Dies ist sonst die einzige Kunde, die wir bisher über sein späteres Leben gefunden haben. In dem Paten des zweiten Kindes von Georg Sehler und Ursula Schilgen, dem derzeitigen Bentheimer Hofgerichtsassessor und späteren Hofrichter Christian Joseph Schilgen, finden wir den zweiten Sohn Johann Christoph Schilgens wieder, der mit seiner Ehefrau Helena Josephine von Beesten den Stamm der älteren Linie der Familie Schilgen fortsetzte. Beiden werden wir an anderer Stelle wiederbegegnen. Es könnte beinah auffallen, daß Hofrat Dr. Nikolaus Schilgen von Münster, der Stiefbruder Johann Christoph Schilgens, beim dritten Kinde Georg Sehlers neben der Frau Assessor Schilgen von Bentheim Patenstelle vertritt, wenn uns seine Beziehungen zur Grafschaft Bentheim, von denen wir später hören werden, nicht eine Erklärung dafür böten.
Außer dem oben Berichteten ist über das Lebensgeschick von Johann Christoph Schilgen in Dorsten auch nicht die geringste Nachricht auf uns gekommen. Ueber seinen Stand und seine Lebensverhältnisse wissen wir nichts. Diese für jene Zeit fast beispiellos frühe Heirat — er konnte bei seiner Verehelichung nicht viel mehr als neunzehn Jahre zählen — gibt seinem für uns in undurchdringliches Dunkel gehüllten Jugendleben einen beinah romanhaften Anstrich. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß sein Vater, Dr. Johann Schilgen, ihm die beste Erziehung angedeihen ließ, doch ob er für das Studium keine Neigung hatte, oder ob jugendliche Unbesonnenheit ihn zum Abbruch desselben und zur frühen Eheschließung verleitete — genug, er hat sich keinen akademischen Grad erworben. Welche sonstigen Verhältnisse in der Bürgermeisterfamilie zu Rheine vorgelegen haben mögen, die den jungen Johann Christoph, der seine Mutter im zartesten Lebensalter verloren hatte, so früh seine eigenen Wege gehen hießen, wird uns wohl stets ein Rätsel bleiben.
Auf jeden Fall scheint der Verkehr Johann Christophs mit seinem Vater und der Stiefmutter in Rheine nach seiner Heirat vollständig abgebrochen worden zu sein, denn keiner von beiden erscheint in Dorsten, um eins seiner vier Kinder aus der Taufe zu heben. Nur der väterliche Oheim Johann Christophs, der Prior Christian Schilgen von Marienfrede, ließ als Geistlicher christliche Milde anstatt Strenge und Unversöhnlichkeit gegen ihn walten.
Es ist mir nicht gelungen aufzuspüren, wann und wo Johann Christoph Schilgen und Maria Lucia Overbeck in den Ehestand getreten sind; in Dorsten oder in Rheine ist es jedenfalls nicht geschehen. Gleichfalls unbekannt blieb mir, wann und wo die junge Frau geboren wurde. Es gab zu der Zeit in Dorsten eine angesehene Familie Overbeck, verwandt mit der Familie Koel1, die dem Städtchen eine Anzahl Bürgermeister und Rechtsgelehrte lieferte. Ich möchte nun, obwohl Lucia Overbeck selbst nicht in Dorsten geboren war, trotzdem annehmen, daß sie dieser Familie angehörte. Karoline Schilgen, eine Urenkelin Johann Christophs, der wir später in der Grafschaft Bentheim noch begegnen werden, gibt ihrem Oheim Dr. Friedrich Karl Schilgen in Rheine in einem Schreiben vom Jahre 1855 die (unrichtige) Auskunft, ihr Urgroßvater Johann Schilgen in Dorsten sei mit einer Koel verheiratet gewesen. Dies beweist, daß in der Familie Schilgen in Neuenhaus (Bentheim) um jene Zeit die Erinnerung an eine Verwandtschaft mit der weithin bekannten Familie Koel in Dorsten fortlebte. Verwandtschaftliche Beziehungen mit ihr konnten jedoch nur von Lucia Overbeck, deren Mutter vermutlich eine geborene Koel war2, herrühren. Erinnert sei auch an Dr. Henricus Reinerus Koel, den Taufpaten von Ursula Christina Schilgen, der jüngsten Tochter.
Bei Gelegenheit dieser Taufe, die am 27. August 1705 stattfand, erhalten wir zugleich auch die letzte Nachricht über die genannten Eheleute. Da Totenregister in Dorsten erst von 1780 an geführt worden sind und uns keine andere Quelle zu Gebote stand, konnte die Zeit ihres Absterbens auch nicht annähernd festgestellt werden. Es kann jedoch als ziemlich sicher gelten, daß sie bei der Geburt des ersten Kindes ihrer Tochter Ursula i. J. 1738 nicht mehr unter den Lebenden weilten, denn sonst würde wohl einer von ihnen bei seiner Taufe die Patenstelle vertreten haben.