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Die Familie Schilgen in Neuß a. Rh.

A. Die Familie vor ihrer Teilung · Kapitel 2

Aus: Heinrich Pottmeyer, Kurze Geschichte der Familie Schilgen bezw. von Schilgen, Münster 1925. Diplomatische Wiedergabe; reine Archivnachweise des Originals weggelassen.

Wo immer auch die im Anfange des 15. Jahrhunderts in Köln auftauchenden Träger des Namens Schilgen beheimatet gewesen sein mögen, die älteste wohlverbürgte Kunde von der Familie kommt uns fünfzig Jahre später aus Neuß a. Rh. Diese Stadt im Düsseldorfer Industriegebiet, an dem alten Heerwege von Köln nach Wetera (bei Xanten) gelegen, hatte sich von dem Römerkastell Novaesium (69—70 n. Chr.), dem fränkischen Salhof Niuse (625—665) und dem durch die Normannen 881 zerstörten Kastell gleichen Namens allmählich zu einem Handelsorte herausgebildet, als welcher Neuß gegen Ende des 12. Jahrhunderts erwähnt wird, nachdem es bereits 100 Jahr früher unter dem Kölner Erzbischof Anno II. eine städtische Verfassung erhalten hatte. Auch war es bis 1572 Hauptzollstätte im kölnischen Niederstift. Für frühe Gewerbsamkeit spricht, daß 1559 die Gilden der Bierbrauer und Wollweber im vollen Bestande sind und in der ältesten erhaltenen Stadtrechnung (1495) Abgaben von neun Zünften erwähnt werden.

In diesem aufblühenden Gemeinwesen gab es in der letzten Hälfte des 15. Jahrhunderts eine Familie Schilgen. Ueber ihren Stand ist keine Nachricht auf uns gekommen, doch spricht für gute Vermögensverhältnisse, daß sie, was damals nur den allerersten Bürgerfamilien möglich war, einen Sohn studieren lassen konnte. Dieser ist unter dem 20. August 1462 folgendermaßen in der Matrikel der Universität Köln eingetragen:

Herman Schilgen de Nusia, clericus Col[oniensis], [in facultate] art[ium], i[uravit] et s[olvit], Aug. 22.

(Herman Schilgen aus Neuß, Geistlicher der Diözese Köln, in der Fakultät der Künste, hat den Eid abgelegt und die Gebühr entrichtet am 22. August.)

Trotz mannigfacher Versuche ist es mir nicht gelungen, etwas näheres über diesen Herman Schilgen in Erfahrung zu bringen. Ueber einen sehr wichtigen Punkt, nämlich daß Neuß sein Geburtsort war, belehrt uns zum Glück die Kölner Matrikel.

Gegen Ende desselben Jahrhunderts begegnet uns in Neuß ein Brauer Peter Scheltgen, der 1491 als Gläubiger der Stadt Neuß mit einem Kapital von 100 Gulden verzeichnet steht, und auch noch i. J. 1509 die Jahreszinsen dafür einzieht. Das Braugewerbe stand in der Folgezeit und allem Anscheine nach auch damals schon in Neuß in besonderer Blüte. Die Stadtrechnung von 1495 zählt dort nicht weniger als 41 Brauer auf, während eine gleichzeitige Kölner Liste deren nur 68 enthält; freilich war die Neußer Jahresproduktion verhältnismäßig bedeutend geringer als die Kölner. Im 17. Jahrhundert erscheinen die Brauer als die reichste und damit auch die angesehenste Zunft in Neuß, und 1720 waren nicht weniger als 10 Brauer Schöffen und Ratsherren, d. h. fast alle Mitglieder der leitenden Stadtbehörde gehörten ihrer Gilde an. Welchen Rang Peter Scheltgen seiner Zeit unter den Zunftgenossen der Stadt einnahm, ersehen wir aus der Stadtrechnung von 1501—1502. Er versteuert in diesem Rechnungsjahr 61½ Sack (d. i. 158⅔ Malter) Braumalz und stand damit an 18. Stelle unter den 44 vermeldeten Brauern, von denen jedoch nur fünf beträchtlich mehr und zwar 100 Sack oder darüber (bis 154 Sack) verbraut hatten. Daß er ein für seine Zeit ziemlich wohlhabender Mann war, erfahren wir daraus, daß er nebst seiner Frau Beelgen (Isabella?) im ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts verschiedene Male als Käufer von Erbrenten auftritt. Am 28. Dezember 1505 legte er 200, am 27. Nov. 1506 weitere 20, am 14. Sept. 1508 wiederum 300 und am selben Tage noch 50 rheinische Gulden auf diese Weise zinsbringend an. Er bewohnte am 6. Juli 1495 ein ihm eigentümlich gehöriges Haus an der Niederstraße (die nordöstliche Hälfte der Hauptstraße, die die Neußer Altstadt von Nordosten nach Südwesten durchschneidet) unweit des Niedertors und der Stadtmauer. Zum letzten Mal erscheint er und seine Frau Beelgen am 16. Januar 1509 in einem Neußer Notariatsinstrument, als sie ihr Testament machen, wonach der letztlebende Teil die gesamte Habe beider erben soll. Ihre Ehe scheint demnach kinderlos gewesen zu sein. Nach einer letztwilligen Verfügung des längstlebenden Teils von ihnen, die für unsere Forschung so ungemein wichtig gewesen wäre, suchte ich im Neußer Stadtarchiv mit Eifer und Spannung, doch vergebens.

Ob Peter Scheltgen oder Schilgen in irgend einem verwandtschaftlichen Verhältnis zu dem obenerwähnten Studierenden an der Kölner Universität Herman Schilgen stand, ließ sich ebenso wenig ermitteln; seinem vermutlichen Alter nach konnte er wohl dessen Bruder sein. — Erwähnt werden im letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts in Neuß noch die Schwestern Grete und Druytgen Scheltgen. Erstere war verheiratet mit dem Neußer Bürger Peter Schrey, der am 11. Januar 1496 einen Obstgarten, hinter seinem Haus und Hof am Zolltor gelegen, an einen Brauer verkauft; letztere war anscheinend zu der Zeit noch unverehelicht. Auch hier wissen wir über eine etwaige Verwandtschaft mit früher vermeldeten Namensträgern nichts.

Im Laufe des 16. Jahrhunderts kommen verschiedene Personen des Namens Scheltgen, der auch wohl vereinzelt Schelken, Schiltgen oder Schilgen geschrieben wird, als Mitglieder der Neußer Bäckerzunft vor. So erscheint Rembolt Scheltgen bereits 1509 auf der Bäckerliste mit 57½ Malter Getreide (45 Malter Weizen und 15 Malter Roggen), für die er der Stadt Akzise zahlte. Auf der nächstfolgenden erhaltenen Stadtrechnung von 1584 fehlt sein Name. Er war also damals schon verstorben oder hatte sich zur Ruhe gesetzt, doch kommt er bis 1541 in Neußer Urkunden vor. Am 24. Okt. 1552 tritt er als Zeuge auf in einer Rechtssache zwischen zwei Verkäufern in der Neußer Brothalle, und am 2. Nov. 1540 wird er vermeldet als Eigentümer eines Gartens, vor dem Niedertor und außerhalb des Burbanns der Stadt Neuß gelegen. Außerdem kaufte er und seine Ehefrau Druytgen am 31. Okt. 1541 von Wilhelm Scheltgen (Schiltgen oder Schilgen), des verstorbenen Heinrich Scheltgens Sohn und Bürger der Stadt Neuß, einen anderen Garten, ebenfalls vor dem Niedertor in unmittelbarer Nähe des ersteren gelegen, sowie eine Jahresrente von 16 Weißpfennigen aus dessen Haus am Niedertor nahe der Neußer Stadtmauer gelegen. Von Verwandtschaft zwischen dem Käufer und Verkäufer geschieht in der Urkunde keine Erwähnung, doch läßt die Tatsache, daß beider Gärten neben einander lagen, doch auf eine solche schließen. Auffallend ist außerdem, daß Wilhelm Scheltgens Haus in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Hauses Peter Scheltgens lag; ja, es ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß beide Häuser identisch sind.

Wilhelm Scheltgen steht 1545 als neuaufgenommener Bürger der Stadt Neuß verzeichnet. Er war damals Verkäufer in der Brothalle (Hallenständer) und kommt von 1554—1578 in den Stadtrechnungen auf der Liste der Bäcker vor, unter denen er einmal unter 20 den dritten und ein anderes Mal unter 18 den fünften Rang einnimmt. Von 1564—1578 versteuert er auch regelmäßig Malz zum Hausbrau, und zwar unterschiedlich von 4—10 Malter. — Neben Wilhelm erscheint von 1574 an Thies (Mathias) Scheltgen auf der Liste der Bäcker; letzterer war 1571 als Bürger der Stadt Neuß aufgenommen worden. In der Rechnung von 1582, in welchem Jahre die Akzise für Brotgetreide verdoppelt wurde, fehlen sowohl Wilhelm wie Thieß Scheltgen auf der Bäckerliste, und in der Folgezeit sucht man den Namen Scheltgen vergeblich in den städtischen Rechnungsbüchern. Uebrigens scheint Thieß Scheltgen vor 1580 verstorben zu sein, denn auf den Rechnungen des alten Gasthauses zum hl. Geist in Neuß von 1580 steht „Thiß Schelgens frau" und von 1581/82—1584/85 „Schelgens son" gebucht für die Heuer von 6½ Ruten Gartenland, zwischen dem Zoll- und Hamtor gelegen. Welche Bewandtnis es hat mit der Eintragung „Kropjans oder Schelgens kynder" oder einfach „Kropjans kynder", die sich in denselben Rechnungen für 5 Ruten Gartenland findet, habe ich nicht in Erfahrung bringen können. In der nächstfolgenden erhaltenen Rechnung von 1588 fehlen beide Eintragungen.

In den Neußer Schöffenprotokollen tritt 1552 Johan Schelken (Schelgen oder Scheltgen) als Vormund oder Anwalt des Junkers Hupert Hammersteyn auf, und zwar zuletzt am 19. Juni dieses Jahres. Kurz vorher, am 31. Mai, hatte er und seine Ehefrau Greite ein Haus auf dem Büchel1 (Hauptstraße der Neußer Altstadt zwischen der Ober- und Niederstraße) gekauft, worüber seine Witwe — Johan war also in der Zwischenzeit verstorben — am 10. Mai 1555 Schwierigkeiten wegen dem Brunnen und anderer Sachen hatte. Nach letzterer Urkunde wäre Johan Schelgen Schreiner (snyßeler) von Beruf gewesen, doch scheint er und auch seine Hausfrau ziemlich gut in Gerichtssachen bewandert gewesen zu sein, denn auch letztere tritt 1555 Dez. 10. und 15. als Vertreterin anderer vor Gericht auf. — Als neuaufgenommene Bürger von Neuß werden noch für 1557 vermeldet: Jakob Scheltgen, Hutmacher, und Rembolt Scheltgen; über beide haben wir sonst nicht die geringste Kunde. — Endlich finden wir als Eigentümerin eines Hauses am Zolltor gegenüber der Mohrengasse (jetzt Lindengasse) 1585 auch noch Greitgen oder Geirtgen Scheltgen im Lagerbuch der St. Quirinuskirche und des Spendhauses in Neuß verzeichnet. Die auf dem Hause lastende Jahresrente von 4 Weißpfennigen wurde 1584 noch entrichtet, dann fehlen die Kirchenrechnungen bis 1602, und in diesem und den folgenden Jahren bis 1624 unterblieb die Zahlung, weil das Haus leer stand, doch wird von etwa 1612 an Bürgermeister Jorgen Keller als Eigentümer desselben vermerkt.

Ein furchtbares Unglück war in den achtziger Jahren des 16. Jahrhunderts über Neuß gekommen. In dem Streite zwischen dem wegen Uebertritt zum reformierten Bekenntnis abgesetzten Kölner Kurfürsten Gebhard von Mansfeld und seinem vom Domkapitel erwählten Nachfolger Ernst von Bayern — in der Geschichte als die „Truchsessischen Wirren" bekannt — geriet die Stadt Neuß, die große strategische Bedeutung hatte, im Mai 1585 in die Gewalt der Truchsessischen (Parteigänger Mansfelds), die sie zunächst plünderten und dann durch eine starke Besatzung aussaugen ließen. Auf Ansuchen des Kurfürsten Ernst brachte Alexander Farnese von Parma nun nach der Niederzwingung Antwerpens ein Heer vor Neuß und nahm es am 26. Juli 1586 ein. Die Spanier plünderten die Stadt jetzt zum zweiten Mal und äscherten einen großen Teil derselben ein, nur einige Häuser an dem Wallgang am Niedertor und das südliche Viertel am Obertor blieb verschont.

Die Stadt Neuß war jetzt für lange Zeit von der Höhe ihrer Macht und Blüte hinabgesunken. Die Bürger vermochten die zerstörte Stadt nicht wieder aufzubauen, und viele wanderten aus. Um diese Zeit werden sich auch die meisten Mitglieder der Familie Schilgen und insbesondere jener Ewald Schilgen, den wir später in Köln wiederfinden, anderswo ein Heim gesucht haben. Nur einmal finden wir den Namen noch nach dem großen Brande im Neußer Stadtarchiv erwähnt. Am 25. Juni 1589 ist in dem Bruchstück eines Neußer Protokollbuchs über Privatverträge (1588—89) die Rede von einem minderjährigen Kinde der verstorbenen Eheleute Wilhelm und Maria Scheltgen, Joist2 genannt, dessen Vermögen von den Vormündern Wilhelm von Lach und Wilhelm Pelßer verwaltet wurde. Aber auch dieser Jost Schilgen verschwindet spurlos. In den Simplenbüchern (Steuerlisten) der Stadt Neuß, die von 1600 an vorhanden und von 1615 an systematisch nach den sieben Quartieren der Stadt geführt sind, kommt der Name Scheltgen nirgends mehr vor. Dies wäre, da gegebenenfalls sowohl der Mieter als auch der Hauseigentümer genannt wird, kaum möglich, wenn sich noch irgend ein Mitglied der Familie zu Neuß befunden oder Eigentum dort besessen hätte.

Anmerkungen

  1. Um jene Zeit wurde der Büchel, der jetzt als eigene Straße gilt, als ein Teil der Niederstraße angesehen, denn es heißt in der Urkunde: „up dem Buychel, up der Nederstreißen."
  2. Joist ist eine andere Schreibweise für Jost (Joost) und eine Abkürzung für Jobst oder Jodokus.