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Der Name Schilgen

A. Die Familie vor ihrer Teilung · Kapitel 1

Aus: Heinrich Pottmeyer, Kurze Geschichte der Familie Schilgen bezw. von Schilgen, Münster 1925. Diplomatische Wiedergabe in der Orthographie der Vorlage.

Die ältesten Nachrichten über die Familie Schilgen kommen uns vom Niederrhein, und alles deutet darauf hin, daß dort auch ihre ursprüngliche Heimat zu suchen ist. Der Name Schilgen selbst ist einer der wichtigsten Zeugen dafür. Seine Endsilbe — gen (die hochdeutsche Verkleinerungs-Ableitung — chen, niederdeutsch — ken) tritt in dieser Form in niederrheinischen Namen dermaßen häufig auf, daß sie geradezu ein charakteristisches Merkmal für die Namen dieser Gegend bildet. In Neußer Urkunden kommen nicht allein die Vornamen Druytgen, Elsgen, Entgen, Gertgen, Heilgen, Kirstgen, Lysgen, Metgen, Neesgen, Styngen, Triengen, Wysgen oft vor, sondern auch die Familiennamen Duimgen, Horstgen, Kempgen, Költgen, Lipgen, Pütgen, Reesgen, Siepgen, Smeltgen, Steelgen, Swoltgen usw., von welchen letzteren viele noch heute dort fortleben.

Was der erste Teil des Namens ursprünglich bedeutet, ist nicht ganz klar. Für die älteren Zeiten ist der Name öfter in der Form Schiltgen (in Neuß: Scheltgen1) urkundlich belegt, doch gebraucht kein Mitglied der Familie, soweit ich den Namen bisher von solchen eigenhändig geschrieben gesehen habe, eine andere Form als die heute übliche, nämlich Schilgen. Wir finden ihn so bereits 1462 in der Matrikel der Universität Köln, und Dr. jur. Johann Schilgen, Bürgermeister von Rheine im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts, schreibt ihn, wie ich mich wiederholt überzeugen konnte, stets in dieser Weise, obwohl er im Kirchen- und Stadtarchiv Rheine in der Schreibweise Schiltgen und in verschiedenen Abarten derselben vorkommt. Es scheint demnach, daß der Name zu jener Zeit ziemlich allgemein von dem Worte Schild — die Schreibweise Schilt, in der dieses Wort in mittelhochdeutscher und frühneuhochdeutscher Zeit häufig erscheint, beweist nichts dagegen — abgeleitet oder mit ihm in Verbindung gebracht wurde. Geschah dies mit Recht, so konnte der Name immerhin noch einen mehrfachen Ursprung haben. Er konnte, um nur einige Möglichkeiten aufzuzählen, die Verkleinerungs- oder auch die Koseform des altgermanischen Personennamens Scilda (skandinavisch: Skjöld) sein, aber auch ebenso gut von einem Hause herrühren, das einen Schild von ziemlich kleiner Form als Aushängeschild trug — die Namen Adler, Bär, Mohr, Rose usw. haben wohl so ziemlich alle, soweit sie von Leuten deutscher Abstammung getragen werden, einen derartigen Ursprung. Da es jedoch im Kreis Mülheim a. Rh. einen Ort Schildgen gibt, wäre auch mit der Möglichkeit zu rechnen, daß die Familie aus diesem Orte stammte und in Neuß nach ihm benannt worden sei, doch hätte der Name in diesem Falle in der frühsten Zeit sicher von Schildgen gelautet, wofür sich keine Belege finden. Schließlich läßt sich der Name, worauf Dr. Kelleter in Neuß mich aufmerksam machte, auch wohl erklären, ohne ihn gerade mit dem Worte Schild in Verbindung zu bringen. In der Rheinprovinz kam der Vorname Ägidius früher häufig vor und war dort ziemlich volkstümlich in der Form Gilgen (Gilligen)2 mit der weichen französischen Aussprache des ersten g (j), die im deutschen Munde in der Regel zu sch wird. Der Name Schilgen (für Gilgen) könnte demnach wohl die rheinische Form des Vornamens Ägidius sein, wie ja unzählige gegenwärtige Familiennamen ursprünglich Vornamen waren.3 Ist dies das Richtige, so ist die Endsilbe des Namens keine Verkleinerungssilbe, und der Name wäre vermutlich eher im mittelrheinischen Gebiet näher der französischen Sprachgrenze entstanden. Daß die Familie anscheinend nichts von einer Anlehnung ihres Namens an das Wort Schild wissen wollte und konsequent Schilgen schrieb, konnte wohl auf alter Tradition beruhen und spricht einigermaßen für die Richtigkeit letzterer Deutung.

In den Urkunden der Abtei Gladbach tauchen im 14. Jahrhundert einige Male Namen auf, die sehr wohl eine veränderte Form des Namens Schilgen darstellen könnten. Am 11. November 1392 bekundet der Abt des Klosters den Verkauf des Hofes zu Venn an Wilhelm Schilken, und am 1. Oktober 1549 kauft (derselbe?) Willem gen. Schilken und dessen Gattin Lysebet eine mit 150 Mark ablösbare Jahresrente von 13 Brabanter Mark, während eine Bela Schilkes, deren Schwester ebenfalls erwähnt, aber nicht mit Namen aufgeführt wird, der Gladbacher Kirche am 25. Oktober 1589 eine Jahresrente von 2 Brabanter Mark schenkt. Letzterer Name steht unzweifelhaft für Schilkens oder, da ein Schluß-s zu der Zeit Namen ganz willkürlich angehängt wird, für Schilken. Dieses aber ist nur eine niederdeutsche Form des Namens Schilgen. Es ist daher nicht ausgeschlossen, daß jene Gladbacher Familie der heutigen Familie Schilgen stammesverwandt ist, doch läßt sich vorläufig keine Gewißheit darüber erlangen.

Mit größerer Sicherheit läßt sich diese Stammesverwandtschaft vermuten für einige Personen, die im Anfange des 15. Jahrhunderts in den Geleitsregistern der Stadt Köln aufgeführt werden. Es erhält i. J. 1412 ein Schiltgin (ohne Vornamen) am 5. August für 8 Tage, am 11. August Johannes Schiltgin ebenfalls für 8 Tage, und am 17. August Johannes und Jacobus Schiltgin für 14 Tage Geleit (Aufenthaltsbewilligung mit Schutzzusage) von der Stadt Köln. Da die zweite Geleitserteilung der ersten und die dritte der zweiten je in einem Abstande folgen, der sie als Verlängerung des vorhergegangenen Geleits nach dessen Ablauf erscheinen läßt, so scheint die Annahme gerechtfertigt, daß es sich hier in Wirklichkeit nur um zwei Personen, Johann und Jakob Schiltgin handelt. Schade nur, daß die Angaben der Kölner Geleitsregister über die dort vermeldeten Personen so überaus dürftig sind und nicht auch noch einen Vermerk über ihre Herkunft oder ihren Wohnsitz enthalten. Sicher ist immer, daß die betreffenden Personen Fremde, d. i. keine Kölner Bürger waren, doch weist die Aufführung ihrer Namen in diesen Registern in der Regel auf geschäftliche oder verwandtschaftliche Beziehungen in Köln hin. Der uns hier entgegentretende Name Schiltgin ist nur eine ältere Form für Schiltgen, wie wir 200 Jahre später, als die Stammeltern der Familie Schilgen in Köln ihren Wohnsitz hatten, ihren Namen dort fast regelmäßig verzeichnet finden.

Anmerkungen

  1. Das e statt i ist in Neuß vermutlich, wie auch Archivdirektor Dr. W. Ewald mir zugestand, mundartlichen Einflüssen zuzuschreiben. In ähnlicher Weise fand ich in Neußer Urkunden stets Faßbender statt Faßbinder und Seilspenner statt Seilspinner.
  2. Ebenso wie im Französischen die Form Gilles und im Englischen Giles (mit anderer Aussprache). In Münster heißt St. Aegidii in der älteren Volkssprache Sünt Illigen.
  3. In Emsdetten: Deitmar, Hummert, Elfrich, Meinert, Konert, Ahlert, Wermert, Reinert usw.