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Die Familie Schilgen in Emsdetten

B. Aeltere Linie der Familie · Kapitel 11

Aus: Heinrich Pottmeyer, Kurze Geschichte der Familie Schilgen bezw. von Schilgen, Münster 1925. Diplomatische Wiedergabe; reine Archivnachweise weggelassen, die ausführlichsten Stellen gekürzt. Dieses Kapitel ist die Grundlage der übrigen Seiten dieser Website (siehe Die Brüder und Die Fabrik).

Die kaufmännische Ader, die wir schon früher bei verschiedenen Mitgliedern der Familie Schilgen zu beobachten Gelegenheit hatten, sollte sich nach drei Generationen von Medizinern in Rheine an den beiden Söhnen des Arztes Theodor Schilgen wiederum offenbaren. Diesen beiden, den Brüdern Jodokus und Stephan Schilgen, war es beschieden, einen hervorragenden Anteil an dem außerordentlichen Aufblühen des Fabrikwesens in Emsdetten und damit auch des Ortes selbst zu nehmen. Der ältere, Jodokus Schilgen, am 21. August 1844 zu Beckum geboren, war am 1. April 1861 bei der Firma H. Heüveldop & Sohn als Kaufmannslehrling eingetreten. Der jüngere, Stephan Schilgen, besuchte das Gymnasium in Rheine, die Realschule in Münster und die Handelsschule in Osnabrück, trat dann als Lehrling in die Mühle der Firma Ellerhorst ein und war später bei der ersten Rheiner Baumwollspinnerei (der heutigen Firma Jackson) tätig.

Etwa im Mai 1870 gründete Stephan Schilgen zusammen mit Anton Carle aus Warendorf unter der Firma Schilgen & Carle in Emsdetten ein Leinen-Fabrikationsgeschäft. Als die Mehrheit der Aktionäre der Jacksonschen Spinnerei ihn nicht zum Prokuristen wählte, entschloß er sich — schon damals die Verlobung mit der Tochter des Herrn Hardy Jackson beabsichtigend —, sich eine eigene Existenz zu gründen, und übernahm auf Vorschlag seines Bruders Jodokus mit diesem das bislang wenig erfolgreiche Geschäft unter der Firma J. Schilgen. Das neu aufgebaute Unternehmen zeitigte bald gute Erfolge, sodaß man sich 1879 zum Bau einer mechanischen Weberei — der fünften Fabrik in Emsdetten — entschloß, die vornehmlich für die Anfertigung von Jutegeweben eingerichtet wurde. Trotz großer Schwierigkeiten wurde 1890 auf Drängen Stephan Schilgens eine Jutespinnerei errichtet; man holte aus Brandenburg a. d. Havel Lehrspinnerinnen herüber, bis eine Anzahl Emsdettener Mädchen das Spinnen gelernt hatte.

Im Jahre 1902 zog Jodokus Schilgen sich von der Firma zurück; Stephan Schilgen leitete sie mit dem alten Unternehmungsgeiste weiter, sodaß er die gewaltigen Abzahlungen beim Ausscheiden des Bruders voll leisten konnte. Ein leichter Schlaganfall im Sommer 1905 und ein späteres Nachlassen der Kräfte trübten seine Gesundheit; bis kurz vor seinem Tode am 20. Dezember 1912 ließ er sich, durch Lähmungserscheinungen behindert, fast täglich durch die Fabrik fahren. Jodokus Schilgen trat 1912 mit Herrn Werth in Verbindung und gründete die ebenfalls sehr erfolgreiche Firma Schilgen & Werth.

Die Familie des Jodokus Schilgen

Jodokus Schilgen vermählte sich am 24. Mai 1875 mit Fräulein Katharina Terfloth, Tochter des Emsdettener Fabrikanten Ludwig Terfloth und seiner Gemahlin geb. Heidkemper. Sie wurde ihm nach dreißigjähriger glücklicher Ehe am 9. September 1905 zu Pyrmont durch den Tod entrissen. Sie hatte ihm zehn Kinder geschenkt:

  1. Wilhelmine Schilgen, geb. Emsdetten 1876 Juni 13.
  2. Ludwig Schilgen, geb. Emsdetten 1877 September 25.
  3. Theodora Schilgen, geb. Emsdetten 1882 Mai 10.
  4. Maria Schilgen, geb. Emsdetten 1884 April 9.
  5. Margaretha Schilgen, geb. Emsdetten 1886 August 15 (gest. 1890).
  6. Elise (Lissi) Schilgen, geb. Emsdetten 1888 Oktober 14.
  7. Jodokus Schilgen, geb. Emsdetten 1890 September 10.
  8. Paul Schilgen, geb. Emsdetten 1892 März 10.
  9. Hermann Schilgen, geb. Emsdetten 1894 Dezember 18.
  10. Ernst Schilgen, geb. Emsdetten 1896 November 2.

Von den Töchtern vermählte sich die älteste, Wilhelmine, am 2. Juni 1897 mit Franz Mülder, Fabrikbesitzer in Emsdetten, starb jedoch schon am 5. April 1898; Theodora trat 1903 mit Dr. med. Bernhard Bauer (Arzt in Gronau), Maria 1914 mit Dr. med. Franz Schründer (Augenarzt in Hamm) und Lissi 1921 mit Dr. med. Paul Haggeney vor den Traualtar, während Margarethe schon kaum vierjährig 1890 verstorben war. Alle fünf Söhne nahmen am Weltkriege teil; die beiden jüngsten kehrten nicht zurück: Hermann Schilgen, Vizewachtmeister und Offiziersaspirant, erlag am 28. September 1918 in einem Feldlazarett dem Typhus, Ernst Schilgen fiel am 27. Mai 1918 — beide hatten das Eiserne Kreuz erworben. Ludwig Schilgen ist als Kaufmann in Düsseldorf ansässig (verh. 1908 mit Maria Kuhlmann, zwei Kinder), ebenso sein Bruder Paul; Jodokus Schilgen jun. trat in die Firma Schilgen & Werth ein und verheiratete sich 1923 mit Thea Murdfield aus Rheine (Sohn Jodokus Gottfried, geb. 1924).

Die Familie des Stephan Schilgen sen.

Stephan Schilgen, der jüngere Sohn des Arztes Theodor Schilgen und seiner Ehefrau Mina geb. Everke, war am 6. Dezember 1846 zu Beckum geboren; da seine Eltern bald nach Rheine übersiedelten, verlebte er dort den ersten Teil seiner Jugend (eine liebe Jugendgespielin war ihm die Dichterin Antonie Jüngst). Am 11. August 1875 trat er mit Fräulein Ottilie Jackson, Tochter des aus Birmingham gebürtigen Fabrikanten Hardy Jackson und seiner Gemahlin Mathilde geb. Sträter, vor den Traualtar und brachte das Wohnhaus des ehemaligen Amtmanns v. Eichstedt mit geräumigem Garten an der Kirchstraße käuflich an sich. Doch währte dieses Eheglück nicht lange: Frau Ottilie Schilgen geb. Jackson wurde schon am 7. Mai 1880 in ihrem 27. Lebensjahre durch den Tod abberufen. Erst drei Jahre später, am 2. Juni 1883, vermählte sich Stephan Schilgen mit Fräulein Franziska Schaub, geboren zu Münster am 25. Mai 1860, zum zweiten Male; sie hatte eine sehr schöne Altstimme und trat gelegentlich in Cäcilienkonzerten und mit Solovorträgen auf.

Nach einer vierzigjährigen, von regem Anteil am Wohl Emsdettens getragenen Tätigkeit — er pflegte u. a. mit den Sozialwissenschaftlern Prof. Hitze und Franz Brandts regen Gedankenaustausch und war von Anfang an Mitglied des Vereins Arbeiterwohl, des späteren Volksvereins für das katholische Deutschland — schloß Stephan Schilgen am 20. Dezember 1912 sein arbeits- und erfolgreiches Leben. Seine Witwe Franziska geb. Schaub rief gleich zu Kriegsbeginn den Vaterländischen Frauenverein ins Leben, richtete im Krankenhaus ein Lazarett ein und wurde für ihre Liebestätigkeit mit der Roten-Kreuz-Medaille sowie vom Heiligen Vater Papst Pius XI. mit dem Orden Pro Ecclesia et Pontifice ausgezeichnet; ihr brachte der Krieg viel Sorge, da sie vier Söhne ins Feld ziehen sah. Sie starb am 29. November 1923. Die ursprüngliche Eichstedtsche Wohnung an der Kirchstraße wurde im Laufe der Zeit durch einen Neubau ersetzt.

Die beiden Ehen Stephan Schilgens waren mit folgenden Kindern gesegnet:

Kinder 1. Ehe (Ottilie Jackson)

  1. Theodor Schilgen, geb. zu Emsdetten am 16. Juli 1874.
  2. Hardy Schilgen, geb. daselbst am 5. Februar 1876.
  3. Wilhelm Schilgen, geb. daselbst am 29. September 1877.
  4. Hermann Schilgen, geb. daselbst am 27. September 1878 (im Kindesalter gestorben).

Kinder 2. Ehe (Franziska Schaub)

  1. Franz Schilgen, geb. daselbst am 24. April 1884.
  2. Ottilie Schilgen, geb. daselbst am 15. November 1885.
  3. Josef Schilgen, geb. daselbst am 24. April 1887.
  4. Stephan Schilgen, geb. daselbst am 28. April 1889.
  5. Karl Schilgen, geb. daselbst am 21. Dezember 1890.
  6. Friedrich Schilgen, geb. daselbst am 4. September 1892 (mit 5 Jahren gestorben).
  7. Johann Heinrich (Heinz) Schilgen, geb. daselbst am 25. November 1895.
  8. Maria Schilgen, geb. daselbst am 24. November 1898.
  9. Friedrich Schilgen, geb. daselbst am 6. Juni 1901.
  10. Christine Schilgen, geb. daselbst am 6. November 1903.

Der älteste Sohn erster Ehe, Theodor Schilgen, betrieb eine Wein-Großhandlung zu Godesberg a. Rhein und verstarb unverehelicht zu Emsdetten am 14. August 1924. Der zweite, Hardy Schilgen, wählte den geistlichen Beruf: nach Studien in Feldkirch (1888—1892) trat er 1895 in das Noviziat des Jesuitenordens ein, wurde 1907 zu Velen zum Priester geweiht und als Volksmissionar und Exerzitienmeister bekannt; in den Kriegsjahren leitete er etwa 180 Exerzitienkurse für Rekruten mit über 15000 Teilnehmern. Neben der Kanzel wirkte er mit der Feder — von P. Hardy Schilgen S. J. erschienen u. a. Junge Helden (1920), Im Dienst des Schöpfers (1921, ins Holländische und Polnische übersetzt) und Du und sie (1924). Heinz Schilgen, der jüngste der ins Feld gezogenen Söhne, meldete sich noch nicht neunzehnjährig mit dem Zeugnis der Primareife am 1. September 1914 freiwillig, kämpfte vor Verdun und in Galizien (bei Limanowa verwundet) und fiel am 1. Oktober 1916 in der Somme-Schlacht.

Von den übrigen Kindern zweiter Ehe lebt Franz Schilgen als Fabrikbesitzer in Dresden (verh. 1913 mit Aennchen Thron); Ottilie Schilgen verheiratete sich 1907 mit dem Fabrikbesitzer Paul Hecking (Neuenkirchen bei Rheine), sieben Kinder. Josef Schilgen, Fabrikbesitzer in Emsdetten (elterliche Fabrik J. Schilgen), verehelichte sich am 8. Mai 1912 mit Fräulein Rita Charlier (geb. zu Malmedy am 24. Januar 1891) und bezog mit ihr 1914 das von ihm erbaute Haus an der Kirchstraße; das Ehepaar hatte fünf Kinder (Margarethe 1914, Maria 1916, Johannes 1917, Theodor 1921, Franziska 1923). Stephan Schilgen, ebenfalls Fabrikbesitzer (J. Schilgen), vermählte sich 1915 mit Gertrud Heüveldop, zwei Kinder. Dr. Karl Schilgen studierte Medizin und promovierte 1920 in Düsseldorf (Assistenzarzt in München); Maria Schilgen trat 1918 mit dem Fabrikanten Alfons Hecking in die Ehe; Friedrich Schilgen studierte Maschinenbau an der Technischen Hochschule München und bewohnte mit seiner jüngsten Schwester Christine das elterliche Haus an der Kirchstraße.