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Die Namensvetter im Taunus

D. Verschiedenes · Kapitel 17

Aus: Heinrich Pottmeyer, Kurze Geschichte der Familie Schilgen bezw. von Schilgen, Münster 1925. Diplomatische Wiedergabe in der Rechtschreibung des Originals; reine Quellennachweise weggelassen.

Da der Name Schilgen verhältnismäßig selten vorkommt, ist die Annahme, daß Träger desselben gemeinsamer Abkunft sind, durchaus berechtigt. Von diesem Gedankengange geleitet, wandte Rektor Heinrich Schilgen zu Cronberg im Taunus sich im Jahre 1912 an den Geh. Kabinettsrat Hans von Schilgen, um womöglich einer alten verwandtschaftlichen Beziehung zwischen seinen Vorfahren und den Trägern seines Namens in Nordwestdeutschland auf die Spur zu kommen. Zu diesem Zwecke gab er die nötigen Aufklärungen über die Geschichte seiner Familie und übersandte zugleich auch Auszüge aus dortigen Kirchenbüchern betr. die Geburtsdaten seiner Vorfahren und deren Anverwandten. Auf Grund dieses Materials, das mir bei der Durchforschung des Archivs v. Schilgen zu Detmold in die Hände fiel, vermochte ich eine bis 1697 zurückreichende Stammtafel der Familie Schilgen im Taunus zusammenzustellen. Zur Erleichterung späterer Forschungen über einen möglichen Zusammenhang der beiden gleichnamigen Familien, für den sich jetzt freilich noch nicht der geringste Anhalt finden läßt, lasse ich die Stammtafel der Träger des Namens Schilgen im Taunus (S. 86) mit abdrucken und gebe im Nachstehenden zugleich auch einen kurzen Ueberblick über deren Familiengeschichte.

Der Name Schilgen, der in dortiger Gegend sonst nirgends vorkommt, taucht 1697 zuerst im Taufregister der Pfarre Delkenheim bei Wiesbaden auf. Vorher findet er sich in den Kirchenbüchern dieser Pfarre, die bis 1652 zurückreichen, nicht; demnach muß die Familie um die Zeit von auswärts zugezogen sein. Von 1697—1708 wurden vier Kinder, ein Sohn und drei Töchter eines Johann Georg Schilgen, dessen Frau nicht mit Namen genannt wird, in Delkenheim geboren. In den folgenden Jahren bis 1715 findet sich der Name Schilgen im Taufregister nicht, worauf von 1716 bis 1724 eine Lücke in den Kirchenbüchern der Pfarre folgt. Bei der Wiederaufnahme der Eintragungen über stattgehabte Taufen tritt gleich am 2. Januar 1725 der Name Johann Georg Schilgen wieder zutage; dann sind bis zum 18. August 1740 im ganzen sechs neugeborene Kinder dieses Vaters, als dessen Ehefrau Anna Christina geb. Emrich beim fünften und sechsten Kinde genannt wird, im Taufbuch verzeichnet. Dieser zweite Johann Georg Schilgen ist selbstverständlich nicht mehr dieselbe Person wie der erstgenannte, sondern dessen gleichnamiger Sohn, der 1725 bereits 28 Jahre alt war.

Nun werden von 1745 bis 1755 in Delkenheim fünf Kinder eines Johann Christof Schilgen getauft, von dem wir vorher nichts gehört haben. Wir müßten ihn daher notgedrungen als einen neuen Ankömmling in der Pfarre betrachten, wenn die Lücke in den Taufbüchern derselben nicht wäre. In Ansehung dieses Umstandes können wir jedoch annehmen, daß er entweder ein spät nachgeborener Sohn des ersten Johann Georg Schilgen oder aber der älteste, in den Jahren der Lücke geborene Sohn des zweiten Johann Georg Schilgen war. Wie dem auch sein mag, für die fernere Geschichte der dortigen Schilgens ist es, da anscheinend keiner seiner Söhne Nachkommen hinterließ, von keiner Bedeutung.

Der Stammvater aller Schilgens jener Gegend wurde vielmehr Anton Reinhard, der am 25. März 1751 geborene Sohn des jüngeren Johann Georg Schilgen. Sein Stamm blühte vorläufig kräftig fort in Delkenheim, und einer seiner Enkel, Johann Wilhelm Schilgen, verpflanzte ihn im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts auch nach dem unfernen Massenheim. Dieser Johann Wilhelm war der Großvater unseres Gewährsmannes, des Rektors Heinrich Schilgen in Cronberg im Taunus. Nach seinem Berichte (1912) würde die Delkenheimer Linie demnächst aussterben, während dies in seinem Geburtsorte Massenheim vorläufig nicht zu befürchten sei.

„Meine Vorfahren“, berichtet Rektor Heinrich Schilgen weiter, „waren meines Wissens alle Kleinbauern mit eigenem Gehöft und protestantisch … Ich vermute, daß mein Vorfahr vor längerer Zeit, da in der nächsten Umgebung nirgends ein Schilgen zu finden ist, aus Nordwestdeutschland zuerst in Delkenheim eingewandert ist.“ Diese Ansicht hat vieles für sich. Die Verschiedenheit der Religion insbesondere beweist nichts dagegen. Sehen wir doch auch die Osnabrücker Schilgens durch eine Mischehe zum Protestantismus übergehen. Viel schwerer fällt der Umstand, daß die Namensvetter im Taunus Bauern sind, dagegen in die Wagschale. Es ist jedoch keineswegs erwiesen, daß Johann Georg Schilgen, der erste seines Namens in Delkenheim, von Haus aus ein Bauer war. Er kann durch eine Verkettung von Umständen, von denen wir nichts wissen, nach dorthin verschlagen worden sein und erst später seinen ursprünglichen Beruf mit der Landwirtschaft vertauscht haben. Ihn mit den Vorfahren der Familie Schilgen in Nordwestdeutschland zu verbinden, ist beim jetzigen Stande der Forschung nicht möglich. Seinem vermutlichen Alter nach konnte er jedoch ein Sohn Wilhelm Schilgens sein, des Bruders des Dr. jur. Schilgen in Rheine. Ueber die Nachkommenschaft Wilhelm Schilgens wissen wir nichts. Seine Ehefrau hieß Katharina Henckels. Bei diesem Namen stutzte der rheinische Geschichtsforscher Dr. Kelleter, als ich ihm die Stammtafel der Familie Schilgen vorlegte, weil alle ihm bekannten Henckels Protestanten seien. Auffallend ist ebenfalls, daß der Name Johann Christof auch bei dieser Familie vorkommt. Der Gedanke an eine Verwandtschaft beider Familien ist daher nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. Doch müssen wir es späteren Forschern überlassen, Klarheit in die Sache zu bringen.

Zur Stammtafel: Das Original gibt an dieser Stelle (S. 86) eine mehrgliedrige Stammtafel der Familie Schilgen im Taunus als lithographierte Tafel wieder. Sie reicht vom ersten Johann Georg Schilgen (Delkenheim, getauft 1697) über den Stammvater Anton Reinhard Schilgen (* 25. März 1751) bis zur Massenheimer Linie und dem Gewährsmann Rektor Heinrich Schilgen in Cronberg. Da die Forschungen im Pfarrarchiv Delkenheim nur bis zur Abzweigung der Massenheimer Linie (um 1800) reichen, ist es im Grunde eine Stammtafel der letzteren. Die Tafel selbst wird in dieser Leseausgabe nicht nachgebildet.